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"Es gibt Szenen, bei denen ich sagen muss: 'Entschuldigung, Mama!"

Die Grimme-Preis prämierte Gay-Dating-Show geht in die dritte Runde: Warum er bei den ersten beiden Staffeln skeptisch vor dem Fernseher saß, wie ihn seine Mutter outete und warum Regenbogen-Flaggen alleine nicht für mehr Akzeptanz sorgen, verrät der neue "Prince Charming" Kim Tränka im Interview.

Eine Villa auf Kreta, 18 gutaussehende Single-Männer, die das Herz des Prinzen erobern wollen und immer mindestens eine Krawatte zu wenig: Kim Tränka hätte es bei seinem ersten Fernsehauftritt schlimmer treffen können. Der 31-jährige Bremer ist der neue und insgesamt dritte deutsche "Prince Charming". Er wirft sich ab Dienstag, 17. August, auf dem Streamingdienst TVNOW - später wird die dritte Staffel auch auf VOX zu sehen sein - in die abenteuerliche Suche nach seinem Traummann. Neun Folgen lang kämpfen die Kandidaten um Kim, außerdem gibt es eine Wiedersehens-Folge. Ein Gespräch über ein vergleichsweise unkompliziertes Outing und über die Präsenz und Wirkung von Regenbogen-Fahnen.

teleschau: Lässt sich Ihre Reise spontan in drei Worten zusammenfassen?

Kim Tränka: Emotional, herausfordernd, schön. Ich will die Erfahrung nicht missen, habe tolle Leute kennengelernt und vergebe zehn von zehn Punkten (lacht).

teleschau: Wann und wie haben Sie erfahren, dass Sie der neue "Prince Charming" werden?

Tränka: Im Januar, ich saß gerade auf dem Weg zum Training in der Bahn und dann kam der Anruf. Dann hieß es nur: "Sitzt Du gerade? Dann freuen wir uns, Dir mitteilen zu dürfen, dass Du unser dritter Prinz bist." Natürlich habe ich mich total gefreut, es war aber eher eine stille Freude mit einem fetten Grinsen im Gesicht. Das war richtig cool, einfach mega. Meine beste Freundin saß neben mir und meinte nur: "Was passiert hier gerade?" Sie hat mich den ganzen Prozess über begleitet.

teleschau: Wer war sonst noch eingeweiht?

Tränka: Zwei weitere enge Freunde wussten Bescheid. Am Anfang war die Reaktion noch ein bisschen verhalten: "Boah, das hast du jetzt nicht ernsthaft gemacht?" Doch als ich letztlich sagte, dass ich da Bock drauf habe, haben sie viel Spaß gewünscht und waren gespannt, wie es am Ende ausgeht. Mit diesen Freunden habe ich auch die ersten beiden Staffeln "Prince Charming" geschaut.

"Wow, was für ein bunter Haufen"

teleschau: Sie haben sich für die ersten beiden Staffeln zum Gruppengucken verabredet?

Tränka: Ich habe sie als Zuschauer verfolgt, allerdings auch mit einer gewissen Skepsis. Es kam schon vor, dass ich vor dem Fernseher saß und dachte: "Ach komm, wieso weinst du jetzt? Du kennst ihn doch jetzt erst seit zwei Tagen" (lacht). Allerdings wurde ich vor Ort eines Besseren belehrt.

teleschau: Ist die "Suche nach der großen Liebe" für solch ein Format nicht etwas ambitioniert?

Tränka: Am Anfang habe ich natürlich auch überlegt, ob man es in dieser Zeit schaffen kann, zu jemandem eine emotionale Bindung aufzubauen. Aber dadurch, dass alles so intensiv und komprimiert ist, merkt man nach einiger Zeit: Okay, es gibt den ein oder anderen Kandidaten, bei dem das Herz einfach höherschlägt. Mir ist auch wichtig gewesen, dass am Ende jemand vor mir steht, bei dem ich weiß, dass das Ganze auch außerhalb dieser Show-Bubble eine Perspektive hat. Letztlich jemand, mit dem ich mir eine weitere Zukunft und ein weiteres Kennenlernen vorstellen kann.

teleschau: Perspektivwechsel: Glauben Sie denn, dass Sie als Kandidat weit gekommen wären?

Tränka: Oh, das weiß ich nicht, auch wenn ich mir darüber schon Gedanken gemacht habe. Ich bin jemand, der gerne im Hintergrund agiert und sich dann mit einem "Hallo, hier bin ich" positioniert. Allerdings weiß ich nicht, ob das für eine solche Show der richtige Move gewesen wäre. Natürlich kommt es aber immer darauf an, welcher Prinz vor einem steht - und ob man diesem gefällt, oder eben nicht. Ich hatte mich tatsächlich zunächst als Kandidat beworben. Es war nie so, dass ich gedacht habe, die Rolle des Prinzen würde für mich in Frage kommen - bis zum ersten Anruf.

teleschau: Haben es Introvertierte bei "Prince Charming" schwerer?

Tränka: Ich glaube, dieser Eindruck trügt ein bisschen. Manchmal kann gerade dieses Introvertierte auch das Reizvolle sein. Vielleicht denkt man sich, dass man diesen Menschen noch etwas aus der Reserve locken und noch näher kennenlernen will. Sowohl Introvertierte als auch Extrovertierte haben in der Show ihre Vor- und Nachteile.

teleschau: Waren Sie denn zufrieden mit der Auswahl?

Tränka: Ja, absolut. Beim ersten Aufeinandertreffen dachte ich nur: "Wow, was für ein bunter Haufen." Das ist überhaupt nicht abwertend gemeint. Da standen einfach so viele verschiedene Charaktere auf einmal vor einem, da bin ich als kleiner Bremer einfach ein bisschen reizüberflutet gewesen. Doch erst, wenn man die Jungs im Nachgang besser kennenlernt, merkt man, ob sich der erste Eindruck bestätigt, oder eben widerrufen werden muss. Gerade in den ersten Gesprächen bin ich wahnsinnig überfordert gewesen. Ich habe versucht, jede Information aufzusaugen, bin aber teilweise an den Namen schon gescheitert. Aber man wächst ja mit seinen Aufgaben (lacht).

teleschau: Konnten Sie die Kameras einfach ausblenden? Schließlich war "Prince Charming" Ihr erster Fernsehauftritt.

Tränka: Es hat schon ein bisschen gedauert, bis ich das Drumherum ausblenden konnte, aber nach einer gewissen Zeit habe ich es geschafft, Kameras und Mikros zu vergessen. Das ist manchmal ein Vorteil, manchmal aber auch nicht (lacht). Jedenfalls ist es machbar.

"Riesengroßes Privileg, dass ich nie die große Ablehnung erfahren musste"

teleschau: Wäre Online-Dating nicht deutlich entspannter gewesen?

Tränka: Ich habe mit Online-Dating auch meine Erfahrungen gemacht. Ich möchte auch nicht sagen, dass man darüber nicht die Liebe finden kann, dafür gibt es genügend Beispiele. Dort geht es aber auch immer um die äußeren Einflüsse. Irgendwie macht das Swipen Spaß, aber es ist einfach sehr schnelllebig: Es wird schnell geghostet, es wird schnell weitergewischt. Beim Online-Dating gibt es eine so große Masse an potenziellen Partnern, dass manche schnell denken: "Oh, der nervt mich, ab zum nächsten."

teleschau: Wie schwer fiel die Rückkehr in den Alltag?

Tränka: Ich bin Mitte Mai zurückgekehrt,und dann hatte mich der Arbeitsalltag sehr schnell wieder. Ich arbeite wieder ganz normal als Automobilkaufmann und hatte nicht wirklich Zeit, das Ganze zu verarbeiten. Das ist sehr schade, denn wenn man im Nachgang Distanz dazu gewonnen hat, fällt einem vielleicht die ein oder andere Situation noch mal ein. Dabei gibt es ja niemanden, mit dem man darüber sprechen kann und darf. Das ist nicht ganz einfach.

teleschau: Heißt, für Freundinnen und Freunde sowie die Familie sind die Szenen komplett neu?

Tränka: Ganz genau, und da gibt es auch einige Szenen, bei denen ich sagen muss: "Entschuldigung, Mama" (lacht).

teleschau: Ihre Mutter spielte eine entscheidende Rolle bei ihrem Outing.

Tränka: Ja, meine Mutter hat mich geoutet, und das war vollkommen in Ordnung. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Beziehung mit meinem damaligen Tanzpartner, und meine Mutter wusste davon nichts, beziehungsweise wurde es nie ausgesprochen. Dann gab es ein bisschen Streitigkeiten, und sie hat zu mir gesagt: "Du, pass auf: In einer Beziehung muss man auf beiden Seiten arbeiten" - und damit war das Thema dann letztendlich auch gegessen. Auch meine Freundinnen und Freunde waren komplett offen. Ich betrachte es als riesengroßes Privileg, dass ich, was das betrifft, nie die große Ablehnung erfahren musste, wie vielleicht manch anderer.

teleschau: Haben Sie mit den Kandidaten über deren Erfahrungen gesprochen?

Tränka: Natürlich kam das auf, das Thema Outing ist nach wie vor ein großes. Ich habe auch gemerkt, dass viele sehr schwierige Outings hatten, in deren Folge sogar Familien oder Beziehungen kaputtgehen können. Es bleibt eine individuelle und emotionale Sache. Von "Alles lief super" bis "Da ist kein Kontakt mehr zu bestimmten Familienmitgliedern" ist alles dabei.

teleschau: Können Sie sich vorstellen, weiter in der TV-Reality-Welt zu bleiben?

Tränka: Ich muss erst einmal abwarten, was die Zuschauerinnen und Zuschauer zu mir sagen. Vielleicht denken die auch: "Was ist das für ein Kasper, auf den habe ich überhaupt keinen Bock." Es ist nicht so, dass ich mich dem gegenüber verschließe, oder auf Knopfdruck sage: "Ich muss das jetzt tun". Ich habe ein vernünftiges Leben mit einem vernünftigen Job und bin 31 Jahre lang ganz gut ohne Fernsehen klargekommen.

"Nur weil irgendwo eine Regenbogen-Fahne hängt, haben wir nicht mehr Akzeptanz"

teleschau: Glauben Sie, eine Sendung wie "Prince Charming" kann die Akzeptanz der Community in der Gesellschaft weiter verbessern?

Tränka: Ich glaube schon. Mit jeder Staffel - egal ob es "Prince" oder "Princess Charming" ist - gehen wir immer weiter Richtung Akzeptanz und vor allem auch Richtung Normalität. Denn Homosexualität ist nichts Abnormales und die Gesellschaft sollte und müsste uns akzeptieren, wie wir sind. Das braucht etwas Zeit, aber kommt mit der Kontinuität. Wenn unsere Liebe über Jahre präsentiert wird, wird es immer alltäglicher Männer und Frauen zu sehen, die das gleiche Geschlecht küssen.

teleschau: Wie beurteilen Sie generell die Präsenz schwuler Männer im deutschen TV?

Tränka: Die Präsenz könnte noch stärker sein, aber ich denke, gerade in den letzten zwei, drei Jahren haben wir einen gewaltigen Schritt gemacht. Homosexualität wird immer präsenter und insofern: Wer weiß, wo wir in fünf Jahren stehen?

teleschau: Wo wünschen Sie sich noch mehr Repräsentanz?

Tränka: In der gesamten Gesellschaft. Letzten Endes ist es egal, welche sexuelle Orientierung ein Mensch hat. Kann man sich nicht einfach nur auf den Menschen fokussieren? Man ist kein schlechterer Arzt, nur weil man schwul ist und keine schlechtere Rechtsanwältin, nur weil man eine Lesbe ist. Unter dem Strich hat es einfach keinen Mehr- oder Minderwert, nur weil die betreffende Person anders liebt.

teleschau: Stichwort Gesellschaft: Wie haben Sie die Diskussion um die Regenbogen-Fahnen bei der Fußball-EM wahrgenommen?

Tränka: Klar ist es eine Art Fortschritt, weil es die Sichtbarkeit erhöht, wenn überall Regenbogen-Fahnen zu sehen sind. Man muss aber auch sagen: Nur weil irgendwo eine Regenbogen-Fahne hängt - selbst wenn der Kölner Dom in Regenbogenfarben gehüllt wird -, haben wir nicht automatisch mehr Akzeptanz und Toleranz. Es bleiben Zeichen. Wenn ein Verband wie die UEFA Gegenwind bekommt, oder sich ein Sebastian Vettel im Regenbogenshirt in Ungarn zeigt, finde ich es trotzdem toll, dass Menschen so etwas machen. Dies ist wichtig, weil dadurch vielleicht eine Diskussion angestoßen wird, die unwissende Menschen erreicht, welchen dadurch eine andere Perspektive präsentiert wird.