"Geht in die Supermärkte, nicht in Museen!"

Moskau, Teheran - und als nächstes Pjöngjang? Im Interview zu seinem neuen Album "Morgenstund" spricht Christopher von Deylen alias Schiller über zurückliegende und zukünftige Reisen - und er verrät, ob er eher ein Frühaufsteher oder ein Morgenmuffel ist.

Vor 20 Jahren rief Christopher von Deylen das Pop- und Ambient-Projekt Schiller ins Leben. Inzwischen hat er über sieben Millionen Alben verkauft, zahlreiche Preise gewonnen und ausverkaufte Konzerte auf der ganzen Welt gespielt. Ein großer Einfluss auf seine Musik waren häufig seine Reisen: Nach einem Trip von London nach Peking entstand 2000 das Album "Weltreise", zehn Jahre später nahm er nach einer Reise durch das arktische Eismeer die Platte "Atemlos" auf. Für sein zehntes Album "Morgenstund" war der Wahlberliner nun mehr unterwegs als je zuvor. Im Interview spricht der 48-Jährige über das Reisen als Inspiration und die Schönheit des Morgens.

teleschau: Herr von Deylen, sind Sie Morgenmuffel oder Frühaufsteher?

Christopher von Deylen: Frühaufsteher! Ich liebe den Morgen. Die Zeit zwischen sechs und zehn Uhr ist für mich die schönste des Tages, weil das Gehirn da noch jungfräulich ist und man sozusagen ein weißes Blatt Papier im Kopf hat. Früher habe ich oft nachts gearbeitet, weil ich dachte, dass man als Künstler seine Ruhe hat, wenn der eigentliche Tag schon vorbei ist. Das stimmt natürlich auch, aber wenn man den Tag schon im Herzen hat, ist es schwer, mit etwas Neuem anzufangen.

teleschau: Wie sieht der perfekte Morgen für Sie aus?

von Delyen: Der perfekte Morgen besteht tatsächlich aus einer starken Tasse Kaffee oder Espresso. Und dann gehe ich ins Studio und schaue, was mir einfällt.

teleschau: Und wenn Sie nicht arbeiten?

von Deylen: Ich mache ja eigentlich nichts anderes. Natürlich bin ich nicht jeden Tag im Studio, aber ich beschäftige mich eigentlich doch jeden Tag mit Schiller. Ich empfinde das nicht als Arbeit - das ist meine Leidenschaft. Deswegen habe ich auch nie Feierabend. Ich brauche keinen Feierabend. Für mich ist das das schönste Geschenk. Ich stehe jeden Tag gerne auf und freue mich auf das, was kommt.

teleschau: "Jeder Morgen ist wie ein Neuanfang", heißt es in dem von Nena gesungenen Titelsong Ihres neuen Albums "Morgenstund" ...

von Deylen: Genau. Der Albumtitel bezieht sich auch nicht unbedingt auf die Tageszeit, sondern ist eine Metapher dafür, dass jeder Tag ein neuer Anfang sein kann. Egal was passiert oder wie man sich vielleicht an einem bestimmten Tag fühlt - morgen geht die Sonne wieder auf. Man bekommt jeden Tag eine neue Chance, Dinge zu verändern. Genau das stellt übrigens auch das Cover dar. Die gelbe Farbe symbolisiert das Sonnenlicht. Wir versuchen, es festzuhalten, aber es zerrinnt unweigerlich zwischen den Fingern. Dann ist der Tag vorbei - und es kommt ein neuer Tag.

teleschau: Auch in dem Stück "New Day" geht es um den Beginn des Tages. War der Morgen eine Art Thema, das Sie den vielen Kollaborateuren auf Ihrem Album - darunter auch Mike Rutherford von Genesis und Giorgio Moroder - an die Hand gegeben haben?

von Deylen: Nein, so etwas ist Zufall und entsteht im Prozess. Wenn ich ein neues Album aufnehme, versuche ich, alles, was ich davor gemacht habe, zu vergessen, und betrachte mich als Neuanfänger. Natürlich gibt es gewisse Momente, in denen ich mich Themen und musikalischen Ausdrucksformen annähere, die einfach zu Schiller gehören, weil das in meiner musikalischen DNA entsprechend verankert ist. Aber es gibt auch immer wieder Kleinigkeiten, die anders werden. Sich einfach hinzusetzen und das Geschehen Revue passieren zu lassen, dafür habe ich keine Zeit.

"Sich in seine Komfortzone zurückzuziehen ist für mich nicht das Richtige"

teleschau: Mit Schiller feiern Sie dieses Jahr Jubiläum: Inzwischen gibt es das Projekt seit 20 Jahren. Was ist das Geheimnis Ihres Sounds, der ja auch im Ausland bestens funktioniert?

von Delyen: Ich habe keine Ahnung! Ich bin ja froh, wenn mir ein Stück gelingt, mit dem ich mich erst einmal selber erreiche. Ich glaube, wenn man die Absicht hat, Musik für die Welt zu machen, kann das nicht gelingen. Vielleicht liegt es daran, dass das, was ich mache, einen authentischen Klang hat. Ich versuche, mich von dem, was musikalisch um mich herum passiert, abzukoppeln und nicht zu fragen: Wie klingt denn diese Saison?

teleschau: Was Sie immer stark beeinflusst hat, ist das Reisen: 2000 erschien das Album "Weltreise", zehn Jahre später das von einem Trip durch die Arktis inspirierte Werk "Atemlos". Für "Morgenstund", heißt es, seien Sie mehr gereist denn je.

von Deylen: Ja, ich bin sehr viel gereist, und das Album ist an sehr verschiedenen Orten auf der Welt entstanden. Von Berlin über England bis Moskau. Auch in Kasachstan habe ich einige Dinge aufgenommen und in Teheran. Ich habe in sehr kurzer Zeit sehr viele Reisen gemacht, die aber alle mit Musik zu tun hatten.

teleschau: Müssen Sie reisen, um kreativ sein zu können?

von Deylen: Das weiß ich nicht genau. Ich nehme es mir nicht bewusst vor, sondern es ist ein Bedürfnis. Es ist Neugier, und vielleicht auch der Wunsch, sich in Bewegung zu halten - sowohl körperlich als auch emotional. Es gibt Gefilde, da kennt man sich gut aus - da weiß man, wie man mit dem Land und den Leuten umgeht. In Gegenden, die neu sind, bedarf es einer gewissen Lernkurve, und das finde ich sehr wichtig. Sich in seine Komfortzone zurückzuziehen ist für mich nicht das Richtige.

teleschau: Sie stürzen sich also gerne ins Unbekannte?

von Deylen: Ich versuche, das immer wieder und regelmäßig zu machen. Es wird einem ja eine gewisse Sicherheit suggeriert, weil man sich sein Leben in der digitalen Welt zurechtlegen kann. Man kann alles personalisieren und auf sich zuschneiden. Dann gibt es keine Überraschungen mehr, man muss nicht mehr suchen, nicht mehr gucken. Das kann praktisch sein. Es kann aber auch dazu führen, dass man verlernt, sich mit Situationen zu beschäftigen, an denen man vielleicht wachsen kann.

teleschau: Wie Reisen Sie am liebsten, um genau solche Situationen zu erleben?

von Delyen: Die wichtigsten Dinge, etwa wie man von A nach B kommt, versuche ich vorzubereiten, aber vor Ort möchte ich mir möglichst viel Freiheit und Zeit lassen, damit Dinge geschehen können. Sehenswürdigkeiten und Museen meide ich, weil das im Grunde eine vorausgewählte Kurzfassung von einer Stimmung in einem Land oder an einem Ort ist. Das liegt mir nicht. Ich beobachte lieber die Menschen. Das können ganz kleine Begegnungen sein, zum Beispiel im Café. Wenn sich ein Paar am Nebentisch unterhält, versuche ich mir vorzustellen, in welcher Stimmung sie sich gerade befinden. Gerade wenn man die Sprache nicht versteht, ist das interessant. So nehme ich emotionale Vignetten auf, die ich irgendwann vielleicht auch in Klänge umwandle. So entsteht ein emotionaler Fundus. Davon abgesehen, ganz pragmatisch: Wenn man wirklich etwas über ein Land erfahren möchte, sollte man in einen Supermarkt gehen.

teleschau: Wieso ausgerechnet ein Supermarkt?

von Deylen: In einem Supermarkt erfährt man mehr über ein Land als in jedem Museum. Zum Beispiel darüber, was für einen Stellenwert bestimmte Dinge im Alltag haben. In Kasachstan zum Beispiel werden wahnsinnig viele süße Kekse gegessen. Bei uns gibt es ja auch Kekse im Supermarkt, aber dort ist die Auswahl doppelt so groß. So etwas finde ich spannend.

Nächster Halt: Pjöngjang?

teleschau: Wenn man wie Sie sogar schon in der Arktis war, kann einen dann eigentlich noch irgendetwas umhauen?

von Delyen: Natürlich. Die Arktis ist auf jeden Fall ein besonderer Ort. Wenn es darum geht, Natur, Eis und Wasser zu sehen, würde sie wahrscheinlich immer obsiegen. Aber das Reisen muss sich ja nicht darüber definieren, dass man fortwährend von einer überwältigenden Landschaft beeindruckt wird. In Moskau den ganzen Tag U-Bahn zu fahren, weil es dort so wahnsinnig tolle U-Bahn-Stationen gibt, ist auch schön. Oder in den Iran zu reisen. An solchen Orten relativiert man oft, was man über sie zu wissen glaubte.

teleschau: Sie gaben erst kürzlich ein Konzert im Iran - als erster westlicher Popkünstler seit 1979 ...

von Deylen: ... was ich gar nicht wusste, bis ich vor Ort war. Ich fand es natürlich spannend, dort zu spielen, aber diese Tragweite war mir nicht bewusst.

teleschau: Gerade beim Iran haben viele Menschen Vorurteile im Kopf. Was würden Sie jemandem, der noch nie dort war, mit auf den Weg geben?

von Deylen: Ich habe mittlerweile erkannt, dass man ein Land und seine Menschen nur sehr schwer mit Worten beschreiben kann. Von daher würde ich immer sagen: Fahr hin und sieh es dir selbst an! Wenn ich es dennoch versuchen sollte ... Im Iran leben unglaublich herzliche, wissbegierige, kluge und sehr zugewandte Menschen, die mit dem, was man landläufig in fiktionaler und non-fiktionaler Form serviert bekommt, überhaupt nichts zu tun haben. Das ist ein Volk, bei dem die empfundene Wahrheit und die wahrhaftige Wahrheit unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber ich kann diese Begeisterung, die ich empfinde, eben auch nur bis zu einem gewissen Punkt erklären.

teleschau: Sie reisen nie ohne Ihre Kamera. Hilft sie Ihnen so wie die Musik, Orte einzufangen und festzuhalten?

von Delyen: Momente mit Bildern festzuhalten, gelingt meistens dann am besten, wenn man etwas fotografiert, das in dem Moment eigentlich gar keine Bedeutung hat und vielleicht nicht einmal besonders pittoresk ist. Das sind oft die Aufnahmen, die beim späteren Betrachten eine gewisse Erinnerung erzeugen. Am Ende sind für mich aber der Klang und die Melodie, die an dem Ort entstanden sind, trotzdem das Zeitlosere.

teleschau: Welcher Ort steht für die Zukunft ganz oben auf Ihrer Reiseliste?

von Deylen: Nachdem ich ja schon in Moskau und Teheran gespielt habe, las ich auf Instagram unlängst einen Kommentar, wo jemand die Assoziationskette weiterführte und meinte, als nächstes wäre dann wohl Pjöngjang dran. Das fände ich auf jeden Fall spannend!