"Ich habe von ihm gelernt, wie eine Person mit Integrität aussieht"

In ihrem großen Regiedebüt "Dads" zeigt die Schauspielerin Bryce Dallas Howard bewegende Geschichten um alleinerziehende Väter. Im Interview spricht sie über die Erziehungsmethoden ihres eigenen berühmten Vaters, das Aufwachsen am Set und eine späte akademische Laufbahn.

Man könnte meinen, dass sich das altmodische Rollenbild von Vätern in unserer modernen Gesellschaft mittlerweile geändert hat - doch dem ist nicht so. Gerade in den USA sehen viele die Männer als die Geldverdiener, die meist abwesenden Autoritätspersonen der Familie, die die täglichen Bedürfnisse und die Erziehung der Kinder weitgehend den Frauen überlassen. Mit ihrem Regiedebüt auf großer Bühne "Dads" (ab 19. Juni auf Apple TV+ abrufbar) wirft Bryce Dallas Howard einen Blick auf Vaterschaft im Wandel der Geschichte und begrüßt die neue Ära der "Daddy Blogger". Das Besondere an dem Dokumentarfilm ist, dass die 39-Jährige auch ihren eigenen Vater, den Star-Produzenten und Oscarpreisträger Ron Howard ("A Beautiful Mind - Genie und Wahnsinn"), sowie ihren verstorbenen Großvater, Schauspieler Rance Howard, involvierte und so aus ihrer eigenen Familiengeschichte schöpfte. Im Zoom-Interview während der Corona-Quarantäne verriet Bryce Dallas Howard, wie sie es schaffte, ihren Vater von diesem Projekt zu überzeugen und was ihr Großvater der Familie hinterlassen hat ...

teleschau: "Dads" ist Ihr großes Regiedebüt. Sind Sie aufgeregt?

Bryce Dallas Howard: Ich bin total überwältigt und kann es gar nicht erwarten, bis der Film gezeigt werden kann.

teleschau: Der Film gibt viel von Ihrem Privatleben preis. Wie konnten Sie Ihren Vater, Ron Howard, davon überzeugen, mitzuwirken?

Howard: (Lacht) Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass er zunächst kein Teil dieses Films sein wollte. Er wollte auch nicht vor der Kamera stehen und über unser Privatleben auspacken.

"Die Tränen sind in Strömen geflossen"

teleschau: Sie schafften es offensichtlich.

Howard: Ich war auf der Suche nach einem werdenden Vater, dessen Nachwuchs während der Dreharbeiten auf die Welt kommt. Wie es der Zufall wollte, wurde doch tatsächlich die Frau meines jüngeren Bruders schwanger, mit ihrem ersten Kind. Nachdem er uns die freudige Nachricht überbracht hatte, war mir sofort klar, dass ER der werdende Vater in meinem Film sein soll. Ich kann sehr überzeugend sein und ließ ihm quasi gar keine andere Wahl (lacht). Außerdem hatte ich vor ein paar Jahren schon mal ein Interview mit meinem Opa, Rance Howard, gemacht, und das alles überzeugte meinen Vater schließlich, auch mitzumachen.

teleschau: Wie war die Reaktion, als Sie sich zum ersten Mal gemeinsam den fertigen Film angesehen haben?

Howard: Als ich das fertige Produkt zum ersten Mal gesehen habe, sind bei mir die Tränen in Strömen geflossen. Meine Eltern haben sich dazu entschieden, den Film alleine anzuschauen. Es war nicht leicht für meinen Vater, da mein Opa erst 2017 gestorben ist. Sie haben nach dem Film ein Video für mich gemacht, das sehr rührend war.

teleschau: Ach, Sie haben den Film gar nicht zusammen mit Ihrem Vater angeschaut?

Howard: Doch, als er im vergangenen Herbst in Toronto vorgestellt wurde, war mein Vater an meiner Seite. Ich war stolz, die Reaktionen der Zuschauer zu sehen, die lachten, aber auch gleichzeitig weinen mussten, da einige von den Geschichten sehr bewegt waren.

"Mein Vater hat mit mir immer wie mit einer Erwachsenen gesprochen"

teleschau: Können Sie sich noch erinnern, was Sie als Kind von Ihrem Vater gelernt haben?

Howard: Ich habe als Kind von ihm gelernt, wie eine Person mit Integrität aussieht. Er war niemals hinterhältig, niemals manipulativ und nie gemein. Er ist ein toller Mensch und ein großartiger Vater. Uns Kinder hat er immer mit Respekt behandelt, und ich glaube, genau das hat uns stark gemacht, das Gefühl der bedingungslosen Liebe. Wenn ich mir Videos aus meiner Kindheit ansehe, sehe ich, dass mein Vater mit mir immer wie mit einer Erwachsenen gesprochen hat. Er hat mich nie als Kind abgefertigt.

teleschau: Und Ihre früheste Kindheitserinnerung?

Howard: Ich kann mich noch genau an unser Haus in Encino, einem Stadtteil von Los Angeles erinnern. Die klarste Erinnerung habe ich aber von dem Filmset "Cocoon", wo mich mein Vater immer mit dabei hatte. Ich war erst zwei Jahre alt, doch ich weiß noch ganz genau, als ob es gestern gewesen wäre, dass ich mir Alien-Masken aufsetzte und mit den Schwänzen der Meerjungfrauen spielte (lacht). Eigentlich habe ich einen großen Teil meiner Kindheit an verschieden Filmsets verbracht, das war immer extrem aufregend.

teleschau: Gibt es etwas, was Ihr Großvater Ihrer Familie hinterlassen hat, bei dem Sie immer an ihn denken müssen?

Howard: Seine Arbeitsmoral war bewundernswert. Er machte immer so lustige Aussagen, die wir heute noch verwenden und uns dabei zu Tode lachen. Am Set, kurz vor den Aufnahmen, hat er immer gesagt: Du weißt, wo Du es treten musst - in den Arsch musst Du es treten! (lacht laut). Diesen Spruch sagen wir in unserer Familie alle zueinander, sogar meine Kinder sagen es zu mir. Das ist die einzige Ausnahme, bei der sie solche Wörter verwenden dürfen.

"Ich bin gleichzeitig Dozentin und Absolventin an der Uni"

teleschau: "Dads" behandelt auch das Thema "Daddy Blogger". Sie haben Väter aus der ganzen Welt, die anstatt der Mütter die Kinder erziehen, getroffen. Es gibt lustige und traurige Geschichten.

Howard: Ja, ich finde, es ist an der Zeit, die Vater zu würdigen, die die "Mutterrolle" im Haushalt übernehmen. Ich fand alle Geschichten besonders, doch die von Robert Selby, dessen Kind mit einem Herzfehler zur Welt kam, hat mich sehr berührt. Er selbst hat keine große Ausbildung und kommt aus eher ärmlichen Verhältnissen, doch die Liebe, die er seinem Sohn gibt, ist unglaublich. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich an diese Story denke.

teleschau: Sie können stolz auf Ihr Debüt sein, doch Sie können auf noch etwas stolz sein: Sie haben dieses Jahr nach 21 Jahren die Uni erfolgreich abgeschlossen.

Howard: (Lacht laut los) Ich weiß, ich kann es selbst kaum glauben, weil ich ja schon 1999 angefangen habe. Der Grund, warum ich 21 Jahre gebraucht habe, ist, dass man eine bestimmte Anzahl aufeinanderfolgender Semester braucht, die bei mir aber leider immer wieder abgelaufen sind, weil ich nicht konstant dort war und ständig andere Projekte annahm. Das Lustige ist, dass ich seit zwei Jahren in der NYU (New Yorker Universität, d. Red.) eine Drama-Klasse unterrichte und ich mit ihnen zur gleichen Zeit Absolvent der Universität bin. Doch leider konnten wir wegen der Corona-Pandemie nicht gemeinsam feiern ...