"Karriere wärmt am Ende des Lebens nicht, wenn man einsam ist"

Nadja Uhl ist eine der gefragtesten deutschen Schauspielerinnen - und trotz des Erfolgs (oder gerade deswegen?) sympathisch bodenständig geblieben. Im Gespräch über ihre Rolle als Mama wird deutlich: Sie tickt erfreulicherweise genauso wie die meisten anderen Mütter auch.

Nadja Uhl ist gerade im Urlaubsfieber: Sommerzeit heißt Ferienzeit. Das ist auch in einem Künstlerhaushalt nicht anders. Die dreiwöchige Reise soll nach Frankreich gehen. Zeit mit der Familie genießen. Heißt auch: Die Arbeit bleibt zu Hause. "Ich habe schon am Strand Drehbuchgespräche geführt. Das will ich diesmal nicht", betont die 47-jährige Schauspielerin. Man kann's sehr gut verstehen - und führt vor der Abreise noch eben ein freudiges Interview über Kind, Kegel und Kompromisse. Der Anlass? Am Samstag, 3. August, ist sie um 20.15 Uhr in "Ein Wochenende im August" im Ersten zu sehen. Der ARD-Degeto-Film erzählt eine Liebesgeschichte zwischen einer glücklich verheirateten Frau und einem Fremden, der ihr Leben für einen Moment mächtig aus der Balance bringt. Selbst lebt Nadja Uhl mit ihrem Lebensgefährten und Manager Kay Bockhold und den beiden gemeinsamen Töchtern, Eva Paulina und Ida Elena, in Potsdam.

teleschau: Ihre beiden Mädchen sind zwölf und neun Jahre alt - da herrscht sicher viel Trubel. Würden Sie sich eher als sorgenvolle oder entspannte Mutter beschreiben?

Nadja Uhl: Ich bin kein ängstlicher Typ. Man muss Dinge auch ihrem Schicksal überlassen. Ich würde eher sagen, dass ich eine mütterliche Mutter bin. Autoritär, aber locker. Ich versuche nicht, die Freundin meiner Kinder zu sein. Bei mir gibt es aber hinter jedem konsequenten Nein, auch ein Ja. (lacht) Alles ist verhandelbar. Mit Ausnahme eines Handys: Das gibt es nicht vor dem zwölften Geburtstag.

teleschau: Was ist Ihnen darüber hinaus in der Erziehung wichtig?

Nadja Uhl: Unsere Kinder dürfen eigene Gedanken und Persönlichkeiten entwickeln und sollen früh Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen. Hier sitzt keiner, der jeden Tag bei den Hausaufgaben hilft. Wenn es um existenzielle Dinge geht, dann ist das anders: Kein Film war mir so wichtig, dass ich gefehlt habe, wenn es darum ging, wichtige Familienprobleme zu lösen oder bei Krankheiten da zu sein. Das ist mir die Arbeit nicht wert. Da habe ich als Frau und Mutter selten Kompromisse gemacht. Toll ist, wenn Vorgesetzte auf so etwas eingehen.

teleschau: Das ist leider auch heute nicht immer der Fall.

Nadja Uhl: Man versucht zu oft, Erwartungshaltungen gerecht zu werden, weil man dankbar ist über berufliche Angebote. Aber es nützt nichts, wenn man sich dabei völlig verausgabt. So geht die Freude am Job verloren. Das müsste eigentlich jeder Arbeitgeber verstehen - oder er ist nicht der richtige. Schön ist, dass die jungen Leute von heute immer weniger Wert auf Karriere auf Kosten familiärer Bindungen legen.

"Wir lieben Rituale"

teleschau: Sie sprechen in Interviews über eine eigene "weitgehend unbeschwerte Kindheit" ...

Nadja Uhl: Zumindest sind die Punkte, die wirklich schwer waren, nichts für die Öffentlichkeit. Aber die Summe meiner Kindheit war toll, geerdet und warmherzig. Dafür bin ich sehr dankbar.

teleschau: Erfahrungen, die man als Mutter sicher gerne weitergibt ... (Geräusche im Hintergrund)

Nadja Uhl: Jetzt muss ich lachen, weil meine Tochter gerade zur Tür reinkommt. Aber ja: Meine Kindheit ist das Fundament meiner jetzigen Erziehungsleistung als Mutter. Ich lebe es nicht nur, sondern baue es auch auf, wir bilden Rituale. Wir lieben Rituale wie Weihnachten. Sie geben mir ein gutes Gerüst. Es macht mich oft nachdenklich zu wissen, dass manche Kinder ohne so ein Gerüst aufwachsen müssen.

teleschau: Welche Werte sind Ihnen in Ihrer Familie am wichtigsten?

Nadja Uhl: Die alltäglich gelebte Liebe. Wegen schlechter Laune oder stressiger Arbeit dauerhaft keine Zeit zu haben, dem Kind Liebe zu geben, das gibt es bei uns nicht! Und wenn Phasen der Überlastung nicht enden, dann muss man das als Erwachsener klären und seine Probleme in den Griff kriegen, um wieder für die Kinder da zu sein. Wenn wir merken, dass alles zu viel wird, halten wir inne und atmen durch, damit die Kinder uns wieder spüren. Deshalb sind wir auch so gerne in der Natur.

teleschau: Ein wichtiger Punkt in der heutigen Zeit voller Hektik!

Nadja Uhl: Ich versuche, die Kinder möglichst frei von Leistungsdruck zu erziehen. Wichtig sind uns außerdem Lachen und Leichtigkeit. Und Vertrauen: Unsere Kinder sollen wissen, dass sie immer zu uns kommen können. Ich bin sicher: Wenn wir Frauen glücklich sind, sind wir auch gute Mütter!

teleschau: Haben Ihre Töchter schon einen Berufswunsch und wollen sie wie Mama auch mal Schauspielerin werden?

Nadja Uhl: Die Jüngere zieht es tatsächlich auf die Bühne und vor die Kamera. Sie hat große Spielfreude. Meine Große zeigt eher naturwissenschaftliches Interesse.

teleschau: Es muss als Mutter spannend zu beobachten sein, in welche Richtung sich Kinder entwickeln, auch wenn sie vermeintlich gleich erzogen wurden ...

Nadja Uhl: Ich glaube, dass die Veranlagung hier viel entscheidender ist als die Erziehung. Die Kinder tragen ja alles bereits in sich. Das kann man als Erwachsener nur verderben. Man sollte die Kinder vielmehr in dem unterstützen, was sie uns offenbaren. Und nicht die verbissenen Ehrgeiz-Projektionen in die Kinder stopfen - das erlebe ich tagtäglich: Diese Kinder tun mir wahnsinnig leid!

Ohne Oma? Undenkbar!

teleschau: Wie sieht die Arbeitsteilung in Sachen Erziehung und Haushalt im Hause Uhl-Bockhold aus?

Nadja Uhl: Wenn ich zu Hause bin, bin ich Vollzeit für alles zuständig. Im Gegensatz zu all der künstlerischen Freiheit und der abenteuerlichen Weltoffenheit, die man sonst lebt, ist bei uns im Alltag alles sehr genau geregelt, organisiert und strukturiert. Sonst würde das System zusammenbrechen. Aber mein Mann übernimmt alle Aufgaben, wenn ich drehe. Sobald ich allerdings das Haus betrete, fällt dieser ganze familiäre Teil sofort wieder in meine Hände. Da gibt es keine Schonfrist. Als würde ich von einem Wellness-Urlaub kommen. Das ist gerne ein großes Missverständnis: Dass ich eigentlich gearbeitet habe, kommt nicht immer so an. (lacht) Aber das stecke ich weg.

teleschau: Sie leben in einem Mehr-Generationen-Haus. Das ist sicher im Alltag eine große Hilfe!

Nadja Uhl: Es gibt eine Oma, die sich permanent verausgabt. Es wäre undenkbar ohne sie. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass man vielleicht nicht ganz so weit weg von den Großeltern entfernt wohnen sollte. So bin ich selbst auch aufgewachsen. Jeder kann sich blind aufeinander verlassen.

teleschau: Ein wichtiger Punkt! Nur leider für viele nicht so einfach umsetzbar ...

Nadja Uhl: Das Auseinanderreißen von Familien in der heutigen Zeit finde ich schwierig. Die Ebene von leben, lieben und füreinander da zu sein, ist wichtig. Eines Tages gehen wir alle auseinander. Das wird oft vergessen. Karriere wärmt am Ende des Lebens nicht, wenn man einsam ist.

Das Leben steckt voller Überraschungen

teleschau: Im ARD-Film "Ein Wochenende im August" werden Sie als Katja von einem Fremden verführt. Am Ende entscheiden Sie sich für Ihre Familie. Dennoch: Diese Vorstellung löst Beklemmung aus: Was ist, wenn mir auch mal sowas passiert? Kamen Sie während der Dreharbeiten ins Grübeln?

Nadja Uhl: Die Frage ist ja: Könnte Ihnen so etwas selbst passieren? Wenn Sie sich etwas nicht eingestehen möchten oder vielleicht sogar ein Leben führen, das von außen perfekt aussieht, aber eigentlich komplett aus der Spur läuft, wie das bei Katja der Fall ist, dann muss man sich fragen: Welche Ängste stecken dahinter, dass ich nicht das Leben lebe, wie ich es möchte? Wieso hat ein Fremder wie der von Carlo Ljubek gespielte Daniel überhaupt die Chance, derart in mein Leben einzudringen?

teleschau: Also keine Grübelei?

Nadja Uhl: Mich hat das persönlich weniger berührt. Aber ich bin reif genug zu wissen, dass das Leben voller Überraschungen steckt und ungewohnte Haken schlagen kann.

teleschau: Haben Sie selbst insgeheime Wünsche und Träume?

Nadja Uhl: Genügsamkeit, Zufriedenheit und Glücklichsein sind Indizien, dass es nur wenige unerfüllte Wünsche gibt. Solange man gesund ist, gibt es keinen Grund, das Leben nicht voll auszuschöpfen. Das Leben ist einfach zu kurz, um seine Träume nicht zu leben.