Lebe hoch

Vielleicht nicht "populärer als Jesus", aber immerhin auch ohne seine Beatles ein genialer Musiker: Am 9. Oktober wäre John Lennon 80 Jahre alt geworden.

Es gibt kein Datum. Der eine Tag, der wegweisend war für eine der größten musikalischen Karrieren aller Zeiten, lässt sich im Nachhinein nicht mehr wirklich feststellen. Man könnte den 6. Juli 1957 nehmen, den Tag, an dem John Lennon und Paul McCartney erstmals bei einem Gartenfest aufeinandertrafen - die Keimzelle der Beatles. Oder den Moment ein gutes Jahr später, in dem die The Quarrymen benannte und mittlerweile um George Harrison verstärkte Band erstmals einen Song aufnahm: "That'll Be The Day", im Original von Buddy Holly. Vielleicht ist auch der Satz aus dem Jahr 1961 maßgeblich, in dem Lennon freundlich mitteilte, der Bandname sei ihm "auf einem brennenden Kuchen" erschienen. Am 9. Oktober wäre Lennon 80 Jahre alt geworden, im Dezember jährt sich sein Todestag zum 40. Mal.

Vier Kugeln waren es, die am 8. Dezember 1980 John Lennon vor seinem Wohnblock in New York niederstreckten, als er gemeinsam mit seiner Ehefrau Yoko Ono von Tonaufnahmen in einem nahe gelegenen Studio zurückkehrte. Mark David Chapman hieß der Mann, der sie abfeuerte. Warum? Chapman schwieg sich lange aus. In J. D. Salingers "Der Fänger im Roggen", so sagte er, habe er die Gründe für den Mord gefunden. Chapman sitzt heute noch in Haft - erst vor einigen Wochen stellte er wieder einen Antrag auf Begnadigung. Er wurde erneut abgelehnt. Chapman entschuldigte sich inzwischen bei Yoko Ono, die sich ihrerseits dafür einsetzt, dass Chapman den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringt.

"Die Musik ist in Ordnung - leben wirst Du davon nie können"

Als John Lennon am 9. Oktober 1940 in einem Liverpooler Krankenhaus zur Welt kam, flogen deutsche Flieger massive Luftangriffe auf die Stadt. Es hat sicher auch damit zu tun, dass seine Eltern Julia und Alfred Lennon ihm den zweiten Vornahmen "Winston" gaben - nach Winston Churchill, damals seit einem halben Jahr britischer Premierminister. John wuchs bei seiner Tante Mimi Smith auf, die seine Zuwendung zur Musik mit gemischten Gefühlen beobachtete: Vor allem die Freundschaft zu den in Sachen Klassenzugehörigkeit vermeintlich minderwertigen Jugendlichen Paul McCartney und George Harrison lehnte sie ab. Von ihr stammt einer der schönsten Sätze, die es um und über John Lennon gibt: "Die Musik ist in Ordnung - leben wirst Du davon nie können", sagte sie Ende der 50er-Jahre - und auch über den Wechsel der jungen Beatles nach Hamburg war sie kaum glücklich.

Lennon zog sie mit diesem Satz bis an sein Lebensende auf - mit einem gewissen Recht, betrachtet man das, was in den Folgejahren passierte. Mit den Beatles brach Lennon zahlreiche Rekorde: So war die Band 1964 mit zwölf Songs gleichzeitig in den britischen Single-Charts vertreten - und stellte die Top Fünf. Insgesamt 17 Singles und acht Alben schafften es an die Spitzenposition der Hitparaden. Auch in den USA wurden Lennon und Co. rasch zu Superstars, insgesamt soll bis heute über eine Milliarde Tonträger der Band verkauft worden sein. Dabei entstanden die besten Alben, als bereits erste Auflösungserscheinungen sichtbar wurden: Das 1968 veröffentlichte "White Album" etwa wurde nicht mehr von der Band gemeinsam eingespielt - auch weil John Lennon Yoko Ono gewissermaßen als feste Begleitung initiierte. Als im Folgejahr zunächst "Get Back" - das Material der Session erschien erst 1970 als "Let It Be" - und "Abbey Road" veröffentlicht wurden, war die Band bereits heillos zerstritten.

Nach dem Ende der Beatles

Auch wenn - sieht man von einem kurzen Ausstieg Ringo Starrs ab - Paul McCartney der Erste war, der die Beatles verließ: John Lennon beschleunigte diesen Prozess. 1964 erschien mit "In His Own Write" sein erstes Buch, mit "How I Won The War" folgte ein Film. Die sieben Jahre ältere Yoko Ono lernte er 1966 kennen, 1969 heirateten die beiden und formierten die Plastic Ono Band. Privates und Kunst kreuzten sich dabei, ebenso verschiedene Kunstgattungen. Lennon und Ono veranstalteten sogenannte Bed-Ins und veröffentlichten zwei Avantgarde-Alben.

In den 70er-Jahren schrieb John Lennon zahllose Hits. Das wilde "Instant Karma" ist ebenso zu nennen wie "Give Peace A Chance" und "Jealous Guy", jedoch auch die kompletten Alben sind trotz ihrer Flüchtigkeit einen genaueren Blick wert. "Imagine" etwa ist eine gnadenlos offenherzige Songwriter-Exegese, die Coverversionen-Platte "Rock'n'Roll Music" eine gelungene Verbeugung vor den Größen der 50er-Jahre. Dass er in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre mit seinem ein gutes Jahr andauernden "Lost Weekend", in dem er sich wegen Eheproblemen auf eine zeitweilige Trennung von Ono einließ, nicht unbedingt kreative Marken setzte, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Dass das 1980 erschienene Werk "Double Fantasy" eine Rückkehr zur alten Form zeigte, ebenfalls. "Gimme. Some. Truth." heißt in Anlehnung an Lennons 1971er-Song eine neue Sammlung seiner Solo-Arbeiten. Eine solche Wahrheit wäre: Dieser Mann war auch ohne die übergroßen Beatles ein großartiger Künstler, und seine Vision von einer besseren Welt wird niemals sterben.