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Mehr als nur ein sehr guter Drummer: Zum Tod von Charlie Watts

Ein Normalo mit Stil und Haltung neben einem Haufen Exzentriker: Charlie Watts war über Jahrzehnte das Rückgrat der Rolling Stones. Nun ist der Schlagzeuger im Alter von 80 Jahren gestorben.

Sein Spiel war nie besonders spektakulär oder virtuos, trotzdem galt er als ein Meister seines Fachs. Unprätentiös. Präzise. Trocken. In einer Gruppe voller Exzentriker war Charlie Watts vielleicht genau der Drummer, den die Rolling Stones brauchten. Nun ist der älteste der Stones mit 80 Jahren in einem Londoner Krankenhaus verstorben. "Mit großer Trauer geben wir den Tod unseres geliebten Charlie Watts bekannt", heißt es in einem offiziellen Statement der Band. "Charlie war ein geliebter Ehemann, Vater und Großvater und einer der größten Schlagzeuger seiner Generation."

Am 2. Juni 1941 nördlich von London in Middlesex geboren, wuchs Charles Robert Watts in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater arbeitete als LKW-Fahrer für ein Bahnunternehmen. Der kleine Charlie, das war schon früh klar, würde einen anderen Weg gehen. Als der Rock'n'Roll Mitte der 50-er die Musikwelt umwälzte, besaß Watts bereits eine stattliche Sammlung an Jazz-Platten. Charlie Parker, Jelly Roll Morton, John Coltrane, das waren seine ersten Helden. Aus einem Banjo baute Watts sich seine erste Trommel, zu Weihnachten 1955 schenkten ihm seine Eltern dann schließlich das erste Schlagzeug-Set.

Ab 1957 besuchte Watts, ein junger Mann mit vielen Interessen und Talenten, die Kunsthochschule Harrow in London. Sein erstes Geld verdiente er als Grafikdesigner. Parallel dazu baute er sich aber auch schon früh einen Ruf als außerordentlich begabter Schlagzeuger auf. Gemeinsam mit seinem Jugendfreund Dave Green, später ein angesehener Jazzbassist, sammelte Watts seine ersten Erfahrungen auf der Bühne. Ende der 50-er spielten die beiden Teenager gemeinsam für die Jo Jones All Stars, eine Jazz-Kombo, Anfang der 60-er stieg Watts dann bei Blues Incorporated ein. Der Jazz-Fan wurde zum gefragten Rhyhtm-and-Blues-Drummer und verdiente bei seinen Auftritten ordentliche Gagen.

Mitte 1962 traf Charlie Watts dann erstmals auf Brian Jones, Ian Stewart, Mick Jagger und Keith Richards, die in denselben Clubs herumhingen und gerade eine eigene Band gegründet hatten. Sie sollen Watts ziemlich lange beackert haben, auch bei den "Rollin' Stones" mitzumachen, wie die Gruppe damals noch hieß. Im Februar 1963 trat Watts im Ealing Jazz Club dann erstmals als festes Bandmitglied mit den Stones auf. Man habe sich Charlie Watts damals eigentlich gar nicht leisten können, erinnerte sich Keith Richards einmal, schließlich sei er im Gegensatz zu den anderen Bandmitgliedern schon ein Profi gewesen, als er einstieg. "Wir hungerten regelrecht, um ihn bezahlen zu können."

Charlie Watts: Nach der Krebstherapie auf Welttournee

Watts wusste sehr wohl um seinen Wert, Starallüren aber waren ihm fremd. Einen Großteil seines Geldes gab der Schlagzeuger, seit jeher für sein stilvolles Auftreten bekannt, für schicke Klamotten aus. Ein Mann, der seinen Erfolg genießt, aber ohne die Extravaganz eines Mick Jagger oder Keith Richards. Gerade in den wilden 60-ern und 70-ern hatten die Stones einen ziemlich schlechten Ruf, es gab einige Skandale und viel internen Ärger, doch Watts' Name tauchte nur selten in den Boulevard-Schlagzeilen auf. Zurückhaltend. Bodenständig. Ruhig. Watts erdete diese Band, nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich.

Bereits vor dem Durchbruch der Rolling Stones lernte Charlie Watts Shirley Ann Shepherd kennen. Das Paar heiratete 1964; 1968 kam eine gemeinsame Tochter zur Welt. Die Ehe hielt bis zum Schluss. Zuletzt betrieben Watts und seine Frau im britischen Devonshire ein Araber-Gestüt, wo sie preisgekrönte Pferde züchteten.

Eine der wenigen wirklich kritischen und dunklen Phasen seines Lebens machte Watts in den 80-ern durch, als er sich verstärkt dem Alkohol und anderen Drogen hingab. "Ich denke, es war eine Midlife-Crisis", erinnerte er sich später an jene trüben Tage, die auch seine Beziehung zu Shirley Ann stark belasteten. Er habe dann aber relativ schnell wieder aufgehört, wie er rückblickend im Interview mit "Daily Mirror" erzählte. "Das passte einfach überhaupt nicht zu mir."

An einem anderen Laster aber hielt Watts länger fest - und bekam die Quittung. 2004 wurde bei dem ehemals starken Raucher Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Nach einer erfolgreichen Strahlentherapie war Watts, an sich kein großer Freund von langen Konzertreisen, dann aber schon 2005 wieder mit den Stones auf großer Welttournee unterwegs. Professionell. Verlässlich. Loyal.

Kollegen verneigen sich vor Charlie Watts

Auch im September 2021 sollte es wieder einige Konzerte in den USA geben, nachdem die "No Filter"- Tour der Rolling Stones zuletzt aufgrund der Pandemie unterbrochen worden war. Es war bekannt, dass Watts zumindest beim Tourauftakt nicht mit von der Partie sein würde. Anfang August wurde ohne Hintergrundinformationen über eine Notoperation berichtet, die laut Watts' Sprecher aber gut verlaufen sein soll. Mehr hat man nicht erfahren. Auch zur Ursache von Watts' Tod wurden in den offiziellen Statements keine weiteren Angaben gemacht. Es heißt, er sei im Kreise seiner Familie friedlich entschlafen.

In der Popwelt verneigt man sich derweil ausgiebig vor Watts, einem außergewöhnlichen Musiker und Menschen, der sich selbst trotz aller Höhenflüge mit seiner Band immer treu blieb. Der frühere Beatles-Drummer Ringo Starr schreibt bei Facebook: "Gott segne Charlie Watts, wir werden dich vermissen, Mann. Liebe und Frieden für die Familie." Elton John beklagt, ebenfalls bei Facebook, einen "sehr traurigen Tag". Charlie Watts sei ein "Mann mit Stil" gewesen, dessen Gesellschaft man stets genossen habe. "Charlie Watts war der ultimative Drummer." Von Paul McCartney und Brian Wilson bis Bryan Adams und Liam Gallagher drückt die gesamte Musikwelt ihre Anteilnahme aus.

Ob der Tod von Charlie Watts nun das Ende der Rolling Stones bedeutet, der größten Rockband aller Zeiten - man wird sehen. Fakt ist: Watts war viel mehr als nur ein sehr guter Schlagzeuger. Er war das Rückgrat der Stones, 58 Jahre lang. Ohne ihn hätte es den Mythos von der vermeintlich unvergänglichen Band, die rollt und rollt und rollt, wahrscheinlich nie gegeben.