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"Mich hat nie überrascht, wozu Menschen fähig sind"

Was macht einen Menschen zum Gewaltverbrecher, zum Vergewaltiger und Mörder? - Eine Frage, der Lydia Benecke gewissermaßen ihr Leben gewidmet hat. Im Interview gibt die wohl prominenteste Protagonistin des auch hierzulande nicht abebbenden True-Crime-Booms Antworten.

Wenn es nicht so fatal in die Irre führen würde, könnte man sagen, ihre Leidenschaft ist das Verbrechen: Tatsächlich, so lässt Lydia Benecke, Deutschlands wohl bekannteste Kriminalpsychologin, im Interview wissen, habe sie sich schon in ihrer Schulzeit für die große Frage interessiert, warum es immer da war, das Verbrechen. "Das Paradoxe ist ja, dass es nie verschwindet, obwohl wir es seit jeher als moralisch falsch verurteilen und bekämpfen", erläutert die 38-Jährige, die ihre Expertise immer häufiger auch mit der breiten Öffentlichkeit teilt und zuletzt zu einem Star des True-Crime-Booms avanciert ist.

Am Mittwoch, 11., und Donnerstag, 12. August, 23.15 Uhr, ist Benecke wieder einmal prominent im TV zu sehen: Das ZDF zeigt vier Folgen der neuen True-Crime-Dokureihe "Tod in ...", in der sie mit Moderator Sven Voss Schauplätze von kapitalen Verbrechen besucht und die Ermittlungen aus psychologischer Sicht einordnet.

teleschau: Welche TV-Ermittler stehen bei Deutschlands bekanntester Kriminalpsychologin hoch im Kurs?

Lydia Benecke: (lacht) Volltreffer! Ich habe gar keinen Fernseher ... Ich kann also keine Lieblingsserie oder von mir bevorzugte Kriminal-Romane nennen. Sorry.

teleschau: Warum denn nicht?

Benecke: Fiction ist einfach nicht mein Ding. Ich interessiere mich mehr für das echte Weltgeschehen. Ansonsten beschäftige ich mich eigentlich rund um die Uhr mit meiner Arbeit und mit Fachliteratur. Die letzten Krimiserien, die ich mir etwas intensiver angeschaut habe, waren vor einigen Jahren "Dexter" und "Sherlock". Beide sind nicht gerade realistisch, aber sie setzen sich tiefergehend mit der Psychopathie auseinander. Das hat mir gefallen.

teleschau: Sie schauen nicht einmal "Tatort"?

Benecke: Lustig: Danach werde ich fast immer gefragt. Na klar, ich weiß, dass der "Tatort" die Referenzklasse ist, und in den letzten zehn Jahren habe ich vielleicht vier, fünf "Polizeiruf 110"- oder "Tatort"-Episoden geschaut - immer wenn ich wusste, ich muss nach der Ausstrahlung Interviewfragen zu kriminalpsychologischen Aspekten beantworten. Vor ein paar Monaten habe ich abends im Hotel zufällig in einen "Tatort" reingezappt. Da fiel mir sofort ein Kardinalfehler auf, der vermutlich oft zu finden ist: Am Tatort waren alle Kriminaltechniker in weißer Schutzkleidung - nur die Kommissarinnen tappten in Straßenklamotten durch die Szenerie und fassten einfach Dinge an. Ich habe mich kaputt gelacht und ein Bild gemacht, das ich gleich meinem guten Freund Marcus Schwarz, Forensischer Entomologe am Institut für Rechtmedizin der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig, geschickt habe.

teleschau: Und? Was hat er gesagt?

Benecke: "Ach, Lydia - du weißt doch, dass der 'Tatort' absolut unrealistisch ist!" - Nein, wusste ich so noch nicht. Aber ich dankte für die Bestätigung meiner Vermutung (lacht).

teleschau: Finden Sie, das ist verwerflich?

Benecke: Gar nicht. Was die "Tatort"-Macher und -Macherinnen tun, ist in Ordnung. Es ist ja die Idee der Fiktion, dass sie sich abseits der Realität bewegt. Ich werde sehr oft von Krimi-Autoren und -Autorinnen nach meiner Expertise gefragt. Ich frage sie dann, wozu sie mich brauchen, denn: Sie sollen unterhalten, ihre Geschichte frei erfinden und sich auf ihre Dramaturgie fokussieren. Außerdem muss ich sie in der Regel enttäuschen: In der Realität gibt es diese vielschichtigen psychologischen Winkelzüge, die man aus vielen Kriminalgeschichten kennt, nicht. Die Realität ist viel einfacher - sowohl was die Motivlage angeht als auch mit Blick auf die Durchführung der Verbrechen.

"Ich wollte nie ermitteln"

teleschau: Sie beschäftigen sich seit Ihrer Schulzeit mit der Psychologie hinter Kriminalfällen. Wollten Sie nie zur Kriminalpolizei gehen?

Benecke: Nein. Ich wollte nie ermitteln. Beruflich wie privat habe ich mit Polizisten und Polizistinnen und Juristen und Juristinnen zu tun, mit einigen bin ich befreundet. Beruflich führe ich beispielsweise für diese Berufsgruppen kriminalpsychologische Fortbildungen durch und arbeite im Rahmen meiner Tätigkeit in einer Sexualstraftäterambulanz auch mit der Polizei bei "KURS NRW" Fällen zusammen. Aber mich interessiert weniger die Ermittlung, sondern eher die zugrunde liegende Logik des Verbrechens - seine Entwicklung im Einzelfall und im großen Kontext der Menschheitsgeschichte, über alle Zeiten und Kulturen hinweg. Warum war es immer da? - Das fragte ich mich schon als Kind. Das Paradoxe ist ja, dass das Verbrechen nie verschwindet, obwohl wir es seit jeher als moralisch falsch verurteilen und bekämpfen. Welche Mechanismen stecken dahinter? Das ist ein zutiefst psychologischer Ansatz - ich hatte meinen Berufsweg sehr früh gefunden (lacht).

teleschau: Sie müssen es also wissen: Wird das Gewaltverbrechen jemals aussterben, obwohl wir uns redlich bemühen, immer bessere Menschen zu werden?

Benecke: Sie wollen wissen, ob das Verbrechen zum Menschsein gehört? Das wiederum ist eher eine philosophische Frage. Nicht mein Sujet. Ich kümmere mich um etwas anderes: Um die Variablen, die im Leben eines Menschen dazu führen, dass er ein Verbrechen begeht. Warum fällt es jemandem leichter als anderen, zum Zeitpunkt X die Entscheidung zu treffen, eine schwere Straftat zu verüben? Es gibt Risikofaktoren und gewisse gesellschaftliche Bedingungen, die da betrachtet werden müssen, und letzten Endes, müssen Sie wissen, ist die kriminalpsychologische Betrachtung von Verbrechen angewandte Mathematik. Nicht umsonst ist die Statistik ein zentrales Fach im Psychologiestudium. Um auf die Frage zurückzukommen: Solange es die begünstigenden Faktoren gibt, wird es Gewaltverbrechen und Täterinnen und Täter geben. Leider werden wir niemals eine Gesellschaft vorfinden, in der es keine Verbrechen gibt, aber man kann definitiv daran arbeiten, die Faktoren für Verbrechen zu reduzieren.

teleschau: Stichwort Prävention!

Benecke: Genau mein Thema. Natürlich sind schuldfähige Täterinnen und Täter für ihre Taten verantwortlich, aber eigentlich immer finden sich, wenn man mit ihnen psychologisch arbeitet, in den Biografien bestimmte Punkte, die zur Entwicklung der Straffälligkeit beigetragen haben, Stellschrauben, wo man hätte ansetzen können, um ein späteres Verbrechen zu verhindern. Gewalt lässt sich nicht entschuldigen, aber eben oft erklären. Und: Eine Erklärung ist keine Entschuldigung, aber eine Erklärung ist unheimlich wichtig - sie hilft uns bei der Prävention weiter.

teleschau: Wie erfolgreich ist die Präventionsarbeit?

Benecke: Es gibt heute definitiv signifikant weniger Gewaltverbrechen als vor 30 Jahren. Dass der Eindruck vielfach ein anderer ist, hat in erster Linie mit den Medien zu tun, wo die Berichte über schwere Verbrechen inflationär zunehmen. Es wird subjektiv suggeriert, dass schwere Gewalt beinahe allgegenwärtig ist, objektiv betrachtet sieht es ganz anders aus. Die Statistiken sind eindeutig - nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Teilen der Welt. Leider berichten Medien kaum über den Kriminalitätsrückgang. Diesen gibt es ja nicht zufällig. Es ist uns gelungen, bestimmte Risikofaktoren einzudämmen.

teleschau: Können Sie ein Beispiel nennen?

Benecke: Unter anderem hat das mit Prävention zu tun, auch mit Anpassungen im Strafrecht: Seit man beispielsweise Kinder nicht mehr körperlich züchtigen darf, nehmen entsprechende Misshandlungen von Kindern ab. Und das hat weitere Folgen: Je weniger Kinder aus einer Generation schwer misshandelt wurden, desto weniger Erwachsene aus derselben Generation begehen später schwere Straftaten. Sie sehen an dem Beispiel, dass es durchaus Rädchen gibt, an denen eine Gesellschaft drehen kann. Die Statistik lügt nicht, das ist alles gut erforscht. Prävention hilft! Und ich werde nicht müde, darauf aufmerksam zu machen.

"Die Verantwortung ist nicht klein, manchmal steht man auch in der Kritik"

teleschau: Inzwischen sind Sie so etwas wie das Gesicht der Kriminalpsychologie: Sie sind als Autorin aktiv, im Team des funk-YouTube-Formats "Der Fall" und sind in immer neuen TV-Formaten zu sehen.

Benecke: Oh ja, es ballt sich gerade etwas. Beeindruckend (lacht)! Aber das ist reiner Zufall, ehrlich. Ich mache diese Art der aufklärenden Öffentlichkeitsarbeit einfach gerne ...

teleschau: True-Crime läuft auf allen Kanälen. Von der Krimi-Fiction ganz zu schweigen. Warum hat das Verbrechen heute eine derartige Anziehungskraft?

Benecke: Wahrscheinlich wieder so eine Mediengeschichte: True Crime war immer gefragt! Ein Beispiel: Schon in den 1920er-Jahren gab es den Fall des sogenannten Kannibalen von Münsterberg, Karl Denke. Ein Serienmörder, der merkwürdigste Dinge mit Leichen getan und auch Teile von ihnen gegessen hat. Die Presse hatte überregional berichtet, dass das Blut der Opfer in den Fluss gelangte, aus dem man das Wasser für die Herstellung von Lebensmittelkonserven genommen hat. Eine Fake-News, aber sie hatte dafür gesorgt, dass damals die größte deutsche Konservenfabrik fast pleite gegangen ist. Was ich sagen will: Das Interesse an diesen Dingen war immer da, die mediale Verbreitung hatte immer - im Rahmen der jeweils verfügbaren Möglichkeiten - einen großen Impact - und der Mensch neigt dazu, zu glauben, was er glauben möchte ... Es hat sich in den vergangenen 100 Jahren erstaunlich wenig geändert, oder? (lacht)

teleschau: Muss man nicht fürchten, dass die ganze Verbrechenspräsenz gefährdete Charaktere erst noch auf dumme Gedanken bringt?

Benecke: Nein. Davon ist nicht auszugehen. Diese Diskussion gibt es ja schon seit über 20 Jahren sehr viel stärker auf Computerspiele bezogen. Auch da hat die Wissenschaft die These der konservativen Gegnerschaft, dass Gewalt-Spiele mehr Gewalt hervorbringen, längst widerlegt. In der Gewaltforschung ist das Fernsehen kein relevanter Faktor mehr, es gibt keinen messbaren Zusammenhang. Ich habe keine Übersicht über den Markt, aber ich vermute, dass die Botschaft der Formate in aller Regel heißt, dass man etwas unternehmen kann gegen das Verbrechen - und sicher nicht, dass sich das Verbrechen lohnt.

teleschau: Wie kamen Sie eigentlich ins Fernsehen?

Benecke: Ganz einfach: Wenn man das ein oder andere Sachbuch geschrieben hat, kommen die Journalistinnen und Journalisten auf einen zu. Ich wurde also irgendwann mal für ein Fernsehinterview angefragt, und dann ging es im Grunde Schlag auf Schlag. Ich mache Wissenschaftskommunikation sehr gerne, sonst würde ich es nicht machen. Wobei mir jederzeit bewusst ist, dass mein Gebiet ein sensibles ist. Die Verantwortung ist nicht klein, manchmal steht man auch in der Kritik. Damit kann ich umgehen.

"Emotionale und kognitive Empathie - beides ist notwendig"

teleschau: Sie arbeiten als Psychologin seit 2009 mit Sexual- und Gewaltstraftätern. Was braucht es für diesen Beruf?

Benecke: Emotionale und kognitive Empathie - beides ist notwendig. Es braucht zunächst die professionelle Ebene, den abstrakten, analytischen Ansatz, aber ganz ohne die Fähigkeit, sich einzufühlen, wird man keine gute Arbeitsatmosphäre aufbauen können. Nur: Die emotionale Involviertheit muss Grenzen haben, sonst bekommt man ein Problem. Ein Praktikum ist dahingehend sehr nützlich. Ich habe während meines Studienpraktikums in der Sozialtherapeutischen Anstalt 2008 gemerkt, dass mich die Arbeit nicht besonders emotional belastet. Andere merken, dass die reale Arbeit für sie doch belastend ist, ganz anders als abends True Crime zu schauen. Die entscheiden sich dann gegen einen solchen Beruf.

teleschau: Haben Sie die Berufsjahre im Angesicht der Gewalt als Person verändert?

Benecke: Keineswegs. Wahrscheinlich, weil ich mich schon sehr früh mit Straftaten beschäftigt habe und mich nie überrascht hat, wozu Menschen fähig sind - und weil ich seit jeher in der Lage bin, analytisch an die Dinge heranzugehen. Habe ich von meiner Mutter, die Mathematik studiert hat.

teleschau: Was haben Sie in all den Jahren über die Täter gelernt? Gibt es etwas, das sie verbindet?

Benecke: Ja, gibt es: Ich glaube, dass schwere Straftäter und Straftäterinnen, wenn man mal alle anderen Faktoren, ihre kognitiven Verzerrungen, Rechtfertigungsversuche und Abwehrmechanismen beiseite lässt, Menschen sind, die mit sich und ihrem Leben unglücklich sind. Die wenigsten von ihnen würden das vor einer rückfallpräventiven Behandlung so zugeben, viele reden über ihre Tat zunächst so, als würde es sich um einen einmaligen Unfall handeln. Aber es entspricht der Erfahrung, die ich in der langjährigen Arbeit gemacht habe: Diese Menschen sind unglücklich, sie haben oft tiefe Verletzungen, die sie für ihr Leben geprägt haben.

"Oft genug kommt eine Tat für Angehörige aus dem Nichts"

teleschau: Kann potenziell jeder von uns einen anderen Menschen töten?

Benecke: Die Wissenschaft sagt eindeutig: Ja. Aber es gibt ja diese Schwelle, über die man gehen muss, um einer anderen Person schwere Gewalt anzutun. Und die ist bei uns sehr unterschiedlich gesetzt - die allermeisten werden sie zum Glück nie erreichen. Und doch liegt sie möglicherweise näher, als viele meinen: Was ist zum Beispiel in einer Notwehrsituation? Wie ist es im Krieg? - Es sind immer äußere Faktoren mitentscheidend.

teleschau: Gibt es für das Umfeld potenzieller Täter bestimmte Alarmsignale?

Benecke: Leider kaum. Oft genug kommt eine Tat für Angehörige aus dem Nichts. Was auch damit zu tun hat, dass die meisten Menschen ganz unbewusst dazu neigen, nicht zu glauben, dass es in ihrem Umfeld jemanden gibt, der ein Verbrechen begehen könnte. Außerdem sind die meisten Täter und Täterinnen nach außen hin total unauffällig. Es gibt nur in speziellen Bereichen Warnsignale: Stalking beispielsweise sollte man immer ernst nehmen. Wenn auch nur wenige Fälle tödlich enden. Als Opfer sollte man sich auf jeden Fall immer mit den verfügbaren Rechtsmitteln wehren, sich in Beratungsstellen oder bei der Polizei Hilfe holen und in angemessenem Ausmaß vorsichtig sein. - Im Grunde die Kernaussage hinter jedem True-Crime-Format.