Mit Aussicht auf Aufheiterung

Als Sängerin der Alternative-Rockband Paramore wurde Hayley Williams weltbekannt. Jetzt hat sie ihr erstes Soloalbum veröffentlicht - und übertrifft mit "Petals For Armor" alle Erwartungen.

Als Sängerin der Alternative-Rockband Paramore wurde Hayley Williams weltbekannt. Jetzt hat sie ihr erstes Soloalbum veröffentlicht - und übertrifft mit "Petals For Armor" alle Erwartungen.

Was macht eine Künstlerin, die mit ihrer Band seit 15 Jahren Gold- und Platinauszeichnungen einsammelt wie andere Menschen Blumen beim Spaziergang über die Wildwiese? Sich von Erwartungen lossagen und die Komfortzone verlassen. "Petals For Armor" von Hayley Williams ist die introvertierteste Platte, die Paramore nie gemacht haben. Die erste Song "Simmer" erzählt mit nervösen Drumpattern und einem aufgebrachten Bass zwar noch eine andere Geschichte, aber schon mit dem Titel "Leave It Alone" und seinen Streichern geht Hayley Williams auf Tuchfühlung mit bittersüßem Indie.

Zwar will sich das Schlagzeug über die gesamte Albumlänge nie richtig entspannen, doch Williams wählt für ihren Gesang bevorzugt die zurückhaltende Variante und prescht nicht ständig nach vorne. Wenn auf "Petals For Armor" getanzt wird, dann vorsichtig und zaghaft. Was nicht heißt, dass die Paramore-Frontfrau auf ihrem Solo-Debüt schwach wirkt - dafür sind die Songs zu mutig, die Texte zu pointiert. "I'm not lonely, I am free", sinniert sie und schafft es irgendwie, die Widersprüchlichkeit von zurückhaltendem Selbstbewusstsein in ihre Songs zu drücken.

Nach persönlichen Rückschlägen und einer handfesten Depression ist es eine umso erfreulichere Erkenntnis, dass die dunklen Momente auf "Petals For Armor" immer wieder durchbrochen werden. Neben einem omnipräsenten Bass und angedeuteter Disco-Drum-Programmierung finden sich fein nuancierte Synthesizer in den Stücken wieder, die ins Jahr 2020 genauso gut passen, wie sie in die 80-er gepasst hätten. Das zynische Stück "Dead Horse" täuscht einen Pop-Hit an, ist mit Zeilen wie "Pretty cool I'm still alive" aber eigentlich doch eher schwermütig unterwegs. Dazu gibt es einige wirklich geniale Momente, beispielsweise wenn Williams in "Sudden Desire" vom Küssen mit offenem Mund singt und dabei analog ihren Mund das Extrastückchen bei den Vokalen öffnet. Das ist clever, das erfordert und erzeugt Aufmerksamkeit.

In der Solo-Musik von Hayley Williams spürt man wesentlich weniger von dem Vorschlaghammer, der bei Paramore oft kritisiert wird. Die 31-Jährige hat im Leid zu sich gefunden und zu einem vielseitigen Umgang mit all den Feinheiten, die "Petals For Armor" zu einem großartigen Album machen. Der vielleicht schönste Moment findet sich kurz vor dem Ende des Albums, wenn Williams ganz unaufgeregt aufblüht. In "Watch Me While I Bloom" lädt sie den Hörer dazu ein, all ihre Seiten kennenzulernen. "If you feel like you're never gonna reach the sky 'til you pull up your roots, leave your dirt behind", schließt sie ein Kapitel ab, das sie hoffentlich so nie wieder erleben muss. Am Ende ist für Hayley Williams alles "Crystal Clear" - so wie es dem Zuhörer irgendwann klar sein sollte, dass man diese Musik auch dann feiern kann, wenn man kein Paramore-Fan ist.

Hayley Williams - Simmer