Mit Liebe für die Kids

Neun Jahre nach "Satellite" und ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest ist die öffentlich meist nachnamenlose Lena Meyer-Landrut eine Mischung aus Influencerin und Fernsehstar. Ab und zu kommt aber noch Musik. Ihr fünftes Studioalbum heißt wie ein Briefschluss: "Only Love, L".

Lena Meyer-Landrut, die sich als Künstlerin inzwischen nur noch Lena nennt, hat also ein neues Album. Vorab: Musikalisch ist "Only Love, L" wenig spannend. Die englischen Texte sind voll bedeutungsschwangerer Phrasen und werden mit Lenas charakteristischem Akzent vorgetragen. Das Gros der Produktionen klingt, als hätte man sie aus den Ausschuss-Schubladen von Marshmello oder den Chainsmokers zusammencollagiert. Es ist ein weicher Dance-Pop, der sich nicht ganz an die EDM-Drops traut, aber auch nicht ganz an klanglich interessante Drums oder Synthesizer. Das Ergebnis klingt wie lizenzfreie Musik, die in einem GoPro-Werbeclip Verwendung finden würde. Bei dieser Platte wird aber auch deutlich: Lena hat inzwischen eine neue Zielgruppe.

Mit dem Opener "Dear L" widmet Lena ihrem jüngeren Selbst einen Brief. Darin spricht die 27-Jährige sich tatsächlich mit ihrem Anfangsbuchstaben an und gibt vage Ratschläge: Finde deinen eigenen Weg, mache Fehler, Mama meint es nur gut. Hier verbirgt sich aber ein Tipp zur Rezeption des Albums: Wie die faktische Adressatin dieses Textes hat sich auch Lenas Zielgruppe spätestens seit ihrem Jury-Job bei "The Voice Kids" verjüngt. Die Annahme scheint zu sein, dass derlei allgemeingültige Lebensweisheiten bei Kindern und deren Erziehungsberichten durchaus ins Herz treffen.

Es fehlt das Alleinstellungsmerkmal

Für kinderlose Erwachsene wird es mit der zweiten Hälfte des Albums zumindest tanzbarer. "Don't Lie To Me" wurde vom Hamburger Dancehall-Spezialisten Jr Blender produziert, der auch schon mit Justin Bieber und Major Lazer an pseudo-karibischen Pop-Hits arbeitete, und ist damit voll am Zeitgeist. Das Instrumental zu "Sex In The Morning" stammt vom Stuttgarter Soundsystem Jugglerz, das viele Jahre lang der namhafteste Vertreter deutscher Dancehall-Kultur war und seit dem Afrotrap-Boom der letzten zwei Jahre auch von HipHop- und Pop-Stars zu Rate gezogen wird. "I Need A Love OD", singt Lena in "Sex In The Morning". Die ESC-Gewinnerin von 2010 wünscht sich also eine Überdosis (körperlicher) Liebe und das sogar bei Tageslicht. Die Perspektive des männlichen Gegenüber oder Untendrunter nimmt in einer Gast-Strophe der britische Rapper Ramz ein, der 2018 mit dem Afrobeat-Song "Barking" überraschend zum Chartstürmer wurde. Mit dieser Besetzung könnte sich "Sex In The Morning" in den kommenden Wochen zum größten Hits aus "Only Love, L" entwickeln.

Gen Ende wird es auch textlich mal etwas gehaltvoller, wenn Lena sich auf "Skinny Bitch" mit ihrer Objektifizierung durch Klatschmedien auseinandersetzt. Der Titel verweist gleichzeitig auf ein fragwürdig betiteltes Alkoholmischgetränk und auf verletzende Bewertungen ihres Äußeren durch Menschen mit Presseausweis. Lenas junger Zielgruppe vermittelt das durchweg optimistische Album "Only Love, L" somit sicher die richtigen Botschaften. Um darüber hinaus interessant zu sein, hat der elektronische Pop-Sound mit Dancehall-Einflüssen aber zu wenig Alleinstellungsmerkmal.

Lena - Don't Lie To Me