"Wir müssen sofort handeln, sonst wird es uns wirklich dreckig gehen"

Dirk Steffens ist einer der renommiertesten Wissenschaftsjournalisten Deutschlands. Im Interview zu seiner jüngsten Expedition in die Antarktis zieht der 52-Jährige die Politik zur Verantwortung, nimmt im Kampf gegen die Klimakrise aber auch jeden Einzelnen in die Pflicht.

Dirk Steffens ist einer der renommiertesten Wissenschaftsjournalisten Deutschlands. Im Interview zu seiner jüngsten Expedition in die Antarktis zieht der 52-Jährige die Politik zur Verantwortung, nimmt im Kampf gegen die Klimakrise aber auch jeden Einzelnen in die Pflicht.

Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen: Für das Skype-Interview mit Dirk Steffens in der Antarktis hat sich das ZDF mächtig ins Zeug gelegt. Während der Dokumentarfilmer dick eingemacht in eine rote Jacke und mit einer warmen Plüschmütze auf dem Kopf auf einem Schneemobil sitzt, ermöglicht eine Drohnenkamera immer wieder den Blick von oben auf die Neumayer-Station: ein "Schlaraffenland", wie Steffens schwärmt. Wie vielfältig und zukunftsweisend die Arbeit dort ist, zeigt der TV-Journalist in der 100. Folge der ZDF-Wissenschaftsreihe "Terra X: Expedition mit Dirk Steffens", "Antarktis - Expedition in die Zukunft" (Sonntag, 23. Februar, 19.30 Uhr). Im Gespräch erklärt der 52-Jährige, welche gravierenden Folgen der Erde drohen, wenn die Klimakrise die Antarktis erreicht, weshalb es keinen Sinn macht, mit Leugnern des menschengemachten Klimawandels zu sprechen, und warum ihm beim Blick nach Australien das Herz blutet.

teleschau: Hierzulande erleben wir momentan den wärmsten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Wie ist das Wetter in der Antarktis?

Dirk Steffens: Wir erleben hier gerade den Antarktischen Sommer. Aktuell ist ein warmer Sommertag, und wir nähern uns von unten der Null-Grad-Grenze - ein ganz normaler Tag also.

teleschau: Inwiefern macht sich der Klimawandel in der Antarktis bemerkbar?

Steffens: Die gute Nachricht ist, dass der Klimawandel in der Antarktis noch nicht richtig angekommen ist - zum Glück. Wenn das passiert, sind wir ziemlich am Arsch, um es deutlich zu sagen. Dann ist die menschliche Zivilisation wirklich bedroht. Am Nordpol hingegen ist es im Durchschnitt bereits vier bis sechs Grad wärmer geworden, und das Eis schmilzt auf Grönland und rund um den Nordpol sehr schnell. Hier in der Antarktis ist das mit Ausnahme der antarktischen Halbinsel im Nordwesten so noch nicht der Fall.

teleschau: Haben Sie trotz der beständigen Temperaturen Veränderungen festgestellt?

Steffens: Ganz viele. Auf der Neumayer-Station wird in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Bereichen geforscht. Die Luft in der Antarktis ist die sauberste auf dem Planeten Erde, was daran liegt, dass auf dem Kontinent keine Menschen wohnen. Es ist ein Kontinent für die Wissenschaft. Weil die Luft so sauber ist, kann man Luftchemieuntersuchungen durchführen. Wenn zum Beispiel in Brasilien der Regenwald brennt, kann man die Rußpartikel in der Luft hier messen.

"Auch der Weltfrieden wird hier überwacht"

teleschau: Auf welchen Gebieten ist man noch tätig?

Steffens: Auch der Weltfrieden wird hier überwacht, ob man es glaubt oder nicht. Es gibt Messstationen, die mit Infraschall permanent in den Boden reinhorchen. Wenn irgendwo auf der Welt ein böser Diktator eine Atombombe zünden sollte, kriegen die Wissenschaftler das hier sofort mit. Eine andere wichtige Sache ist die Pinguin-Forschung. Pinguine sind sogenannte Bioindikatoren. Ganz simpel ausgedrückt: Solange es den Kaiserpinguinen gut geht, ist das Ökosystem noch halbwegs intakt. Für mich als Wissenschaftsjournalist ist es wie ein Schlaraffenland, mit 40 bis 50 Forscher zusammenzuwohnen. Ich kann mich hier so richtig mit Infos vollsaugen.

teleschau: Kommt dadurch trotz der Abgeschiedenheit der Forschungsstation das Thema Einsamkeit und Isolation gar nicht auf?

Steffens: Während der Hochsaison im Sommer nicht. Im Winter ist das ganz anders, weil in dieser Zeit nur neun Menschen vor Ort sind, die mehrere Monate komplett von der Außenwelt abgeschnitten sind. Die Auswirkungen auf die Psyche, den Körper und die Gruppendynamik werden in Zusammenarbeit mit der Berliner Charité auch erforscht. Eines der Ergebnisse ist ganz lustig.

teleschau: Erzählen Sie ...

Steffens: Nach der Überwinterung ist das Gehirn kleiner als vorher. Das liegt an der Abwesenheit von Stimulanzien. Wenn man hier rausguckt, sieht man nur eine platte, weiße Landschaft. Im Winter ist es auch über acht Wochen hinweg dunkel, weil die Sonne nicht aufgeht. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Forscher am Ende der Saison alle blöd sind. Welche genauen Auswirkungen die Verkleinerung des Gehirns hat, wissen wir allerdings noch nicht. Bedeutsam ist diese Forschung vor allen Dingen für die Raumfahrt.

teleschau: Inwiefern?

Steffens: Auch dort gibt es eine kleine Gruppe Menschen, geschützt von einer technischen Hülle in einer lebensfeindlichen Umwelt. Deshalb gibt es ein paar Meter von der Forschungsstation entfernt den sogenannten "Garten Eden". Dieses Projekt wird vom Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt durchgeführt. Dort wird getestet, wie man Pflanzen ohne Erde und Sonnenlicht ziehen kann. Mit speziellen Nährlösungen und Pflanzenlichtern ist es den Wissenschaftlern gelungen, so viel Gemüse und Salat zu züchten, dass sie einer zehnköpfigen Besatzung jeden Tag frischen Salat servieren können. Eine solche Technologie würde man auch bei einem Bau einer Station auf dem Mond oder dem Mars benötigen.

"Die Antarktis verleiht Flügel"

teleschau: Wie lange arbeiten und leben Sie auf der Forschungsstation?

Steffens: Mit dem ZDF-Team kann ich insgesamt zwei Wochen hier sein. Wenn das Wetter nicht mitspielt, das sehr wechselhaft ist, und wir den letzten Flieger nicht nehmen können, wissen wir aber gar nicht, wie lange wir noch hier bleiben müssen. Während der letzten Tage hatten wir einen antarktischen Sturm, das war krass.

teleschau: Wie muss man sich das vorstellen?

Steffens: Verlassen kann man die Station in dieser Zeit nicht, da werden alle Schotten dicht gemacht, und es gibt ein strenges Sicherheitsprozedere. Ich habe mal versucht, aus der Station rauszugehen, und man muss sagen, die Antarktis verleiht Flügel. Denn ich bin tatsächlich kurz durch die Luft gesegelt. Weil der Wind so viele Eiskristalle und Schnee aufwirbelt, sieht man seine eigene Hand nicht mehr. Sprich, man geht drei Meter von der Station weg und ist völlig orientierungslos. Das nennt man "White Out".

teleschau: Sie haben auf Ihren Reisen sehr viel Elend und die Zerstörung der Natur gesehen. Auf politischer Ebene geht es in der Klimapolitik aber nur schleppend voran ...

Steffens: Politiker, die fragen, wie viel Umweltschutz wir uns leisten können, müssen wir sofort abwählen, weil sie das Problem nicht verstanden haben. Denn die Klimakrise, über die alle reden, was wichtig und gut ist, ist nur ein kleiner Teil einer viel größeren Krise. Selbst wenn wir das Klimaproblem vollständig lösen würden, wäre die Menschheit nicht gerettet. Betrachtet man die globalen Geosysteme, allen voran die Artenvielfalt, steht die Welt an einem Kipppunkt. Alle Wissenschaftler, mit denen ich im letzten Vierteljahrhundert gesprochen habe, sagen: "Wir müssen sofort handeln, weil sonst die menschliche Zivilisation, wie wir sie kennen, nicht weiterbestehen kann."

"Für so einen Quatsch haben wir keine Zeit mehr"

teleschau: Wie sieht Ihre Zukunftsprognose aus?

Steffens: Die Menschheit wird diese Krise überleben, die Frage ist nur, wie. Wenn wir das mit einer Krankheit vergleichen, würde momentan noch eine kleine Pille reichen. Wenn wir aber noch zehn oder zwanzig Jahre warten, ist vielleicht eine Amputation notwendig. Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken und Nahrung zum Essen sind die Grundvoraussetzungen für Wirtschaft, Arbeitsplätze und auch für Demokratie. Nichts funktioniert, wenn diese Lebensgrundlagen nicht gesichert sind. Wir müssen sofort handeln, sonst wird es uns wirklich dreckig gehen.

teleschau: Trotzdem gibt es nach wie vor Politiker, die den menschengemachten Klimawandel leugnen. Ist mit solchen Menschen überhaupt noch zu reden?

Steffens: Nein, man muss nicht über jedes Stöckchen springen, das einem irgendwelche Deppen hinhalten. Leute, die die Klimakrise abstreiten, gleichen solchen, die an dem jährlich stattfindenden Flat Earth Kongress teilnehmen. Dort treffen sich Menschen, die felsenfest davon überzeugt sind, dass die Erde eine Scheibe ist. Wir sollten aufhören, unsere Zeit damit zu verplempern, mit Leuten zu reden, die die menschengemachte Klimakrise verleugnen. Für so einen Quatsch haben wir wirklich keine Zeit mehr. Wenn Leute das glauben wollen, sollen sie das machen. Es gibt ja auch Menschen, die an das Spaghettimonster glauben.

teleschau: Welche Konsequenzen sollte man ziehen, um den Klimawandel einzudämmen?

Steffens: Auf allen Ebenen muss sich etwas ändern. Wir dürfen nicht nur auf die Politik zeigen, auch wenn sie in Form von neuen Gesetzen in der Verantwortung steht. Auch die Wirtschaft muss viel tun, insbesondere die Finanzindustrie, denn Geld verändert die Welt am schnellsten. Gibt es keinen Kredit mehr für Kohlekraftwerke, werden keine mehr gebaut.

"Wir alle gemeinsam müssen uns ändern"

teleschau: Was können wir als Verbraucher bewegen?

Steffens: Man darf nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sondern wir alle gemeinsam müssen uns ändern. Ein Forscher hat einmal geschätzt, dass jeder Einzelne von uns täglich 100 Entscheidungen trifft, die umweltrelevant sind - beim Einkaufen, bei der Arbeit, bei der Art, wie wir uns fortbewegen oder kleiden. Jeder von uns sollte sich kritisch überlegen: "Was mache ich denn eigentlich?" Müssen wir als Forscher in der Antarktis übrigens genauso. Wir sitzen hier 14.000 Kilometer von Ihnen entfernt. Hergekommen sind wir mit dem Flugzeug. Das ist klimaschädlich, keine Frage. Allerdings nicht in dem Ausmaß, wie gerade viele behaupten. Der internationale Flugverkehr macht zwei Prozent der Treibhausgasemissionen aus, also viel weniger als etwa die Landwirtschaft oder der Autoverkehr auf sich vereinnahmen.

teleschau: Der Film über Ihre Forschung in der Antarktis ist Ihre 100. Folge "Terra X". Welche Erinnerungen aus dieser Zeit haben sich besonders eingebrannt?

Steffens: Mir ging schon als kleiner Junge das Herz auf, wenn ich ein wildes Tier aus der Nähe gesehen habe. Das hat sich bis heute nicht verändert. Ich empfinde es als größtes Glück in meinem Leben, dass ich durch diesen Job immer wieder in die Naturlandschaften und zu den Tieren in der Wildnis komme. Diese Glücksmomente nutzen sich nicht ab. Wenn ich heute einem Elefanten gegenüberstehe, ist das für mich genauso aufregend wie vor 30 Jahren beim allerersten Mal.

teleschau: Die verheerenden Buschbrände in Australien bewegen die Welt. Sie waren schon einige Male in Australien unterwegs. Wie sehr trifft Sie diese Naturkatastrophe?

Steffens: Für mich ist das persönlich sehr schlimm, was derzeit in Australien passiert. Mein allererster Tierfilm war über Koalas. Koalabären sind unglaublich sympathisch, und jeder, der ihnen schon einmal begegnet ist, muss die lieben. Jetzt sind sie aber vom Aussterben bedroht, obwohl sie weder gejagt werden, noch jemand ihr Fell oder Fleisch haben will. Aber ihr Lebensraum wird immer mehr vernichtet. Ich habe von der australischen Umweltministerin gehört, dass etwa ein Drittel aller noch lebenden Koalas im Bundesstaat New South Wales bei diesen Bränden umgekommen sind. Da blutet mir das Herz. Dass es dann auch noch einen Regierungschef gibt, der den menschengemachten Klimawandel nicht verstanden hat, ist nichts weniger als ein Skandal.