Autisten stehen alles andere als im Abseits

TIETZ Autistischer Sohn und "Papsi" erzählen über die Suche nach dem Lieblingsfußballverein.

Jason von Juterczenka möchte schöne und skurrile Stadien sehen, dazu der Welt zuliebe diese mit öffentlichen Verkehrsmitteln bereisen und dabei verfolgt der 13-Jährige ein Ziel: Er möchte seinen Lieblingsfußballverein finden. Zusammen mit seinem Vater Mirco ist er seit mittlerweile acht Jahren dafür in Deutschland und im europäischen Ausland unterwegs. Während Mirco von Juterczenka Fortuna Düsseldorf in die Wiege gelegt wurde, möchte Jason wiederum erst alle Vereine gesehen haben, um eine finale Entscheidung zu treffen. Der einfache Grund dafür sind strenge Regeln, welche der Asperger-Autist aufgestellt hat. So darf der Lieblingsverein kein Maskottchen haben, dessen Spieler vor dem Spiel keinen Kreis bilden und im Stadion dürfen keine Plastikbecher verkauft werden.

Mehr als ein Fußballbuch

In dem Buch "Wir Wochenendrebellen" haben Jason und "Papsi" in 17 Kapiteln nicht nur aufregende wie lehrreiche Erlebnisse durch die Welt des Fußballs zusammengefasst, sondern weiterhin die Themen Autismus, Erziehung und Elternliebe wundervoll integriert. Einen kleinen Ausschnitt stellten die zwei bei der Lesung im Chemnitzer Tietz vor. Die Veranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit dem "AWO Fanprojekt Chemnitz", der evangelische Buchhandlung Max Müller und Chemnitzer Groundhoppern organisiert, beworben und durchgeführt.

So diskutierten Vater und Sohn beispielsweise über die Sinnhaftigkeit des Ausfluges zum "Spitzenspiel" zwischen Aalen und Sandhausen; sie berichteten außerdem über ihre Osteuropa-Reise durch zehn Länder, auf welcher sie unter anderem mit der sogenannten Tito-Bahn erst von Belgrad nach Bar fuhren, nur um wenige Minuten nach Ankunft wieder mit einem Bus nach Sarajevo aufzubrechen, um dort die Olympia-Bahn von Sarajevo zu besichtigen.

Ausflug ins altehrwürdige Sportforum

Mirco und Jason von Juterczenka nutzten die Zeit vor der Lesung am Abend, um einen Abstecher ins altehrwürdige Chemnitzer Sportforum zu unternehmen. Dort schauten sich die Groundhopper das Spiel der U-19-Bundesliga zwischen dem Chemnitzer FC und dem Niendorfer TSV an. Sowohl vom spannenden Spiel als auch vom Stadion mit seinen alten, verwucherten Stehtraversen waren die beiden sehr angetan. Jedoch bildete der himmelblaue Nachwuchs vor dem Spiel einen Kreis, sodass damit auch der Chemnitzer FC nicht der Lieblingsfußballverein von Jason werden kann.

Bis jetzt hat Jason schon mehr als 100 Stadien gesehen, so stand er beispielsweise auf der Schalker Nordkurve sowie der Dortmunder Südtribüne, war ebenfalls schon in Glasgow, Mailand und Split zugegen. Seine konsequente Suche geht auch in Zukunft weiter, so stehen bei ihm mit dem TJ Tatran Čierny Balo in der Slowakei, durch dessen Stadion ein Zug fährt, sowie dem Ottmar-Hitzfeld-Stadion in der Schweiz und dem Felsenstadion in Braga weitere Ziele auf der Liste.

Aus der Welt eines Asperger-Autisten

Das Aperger-Syndrom (AS), dessen Diagnose auf den österreichischen Kinderarzt Hans Asperger zurückgeht, gilt als spezielle Variante des Autismus, die mit zu den tief greifenden Entwicklungsstörungen gezählt wird. Die Welt eines Asperger-Autisten funktioniert - wie bei den meisten anderen Menschen auch - vor allem dann, wenn klar definierte Regeln eingehalten werden. Gelingt das nicht, dann haben sie Schwierigkeiten, die sozialen Verhaltensweisen richtig einzuordnen. Mirco von Juterczenka wirft diesbezüglich ein: "Autisten leiden nicht unter Autismus, sondern nur unter dem rücksichtslosen Umgang mit ihnen." Wesentlich bessere Berater sind hierbei Geduld und Kompromissbereitschaft.

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