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Weihnachtstreffen in Coronazeiten: War es das wert?

Bericht Was bringen Traditionen wie Weihnachten und Co. in einem hoffentlich unkonventionellen Jahr? Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte ...

Meine Pläne im Oktober: An Weihnachten nach Hause fahren, mit Oma und Opa, Cousins und Cousinen Kekse essen und Karten spielen. Wein trinken und irgendwann Karten essen und Kekse spielen.

Meine Pläne im November: An Weihnachten nach Hause fahren. Oma und Opa mit FFP2 Maske zum Kaffee besuchen. Die ganze Zeit Lüften.

Meine Pläne im Dezember: An Weihnachten nach Hause fahren? Fragwürdig.

Mittlerweile ist es geschafft. Weihnachten und die ganze Fragerei darüber wann, wie und ob man überhaupt mit mehr oder weniger geliebten Familienmitgliedern feiern könnte oder nicht sollte ist endlich vorbei. Im Nachhinein entwerfe ich Szenarien und Utopien in meinem Kopf und wünsche mir, man hätte alles komplett abgesagt, oder einfach verschoben. Auf August zum Beispiel und dann hätte man eben vier Monate später wieder gefeiert. Mit weniger Risiko und Reue. Warum sind wir bloß so unflexibel in Deutschland? Auch Silvester war unnötig. Wir könnten einfach noch ein Jahr 2020 erleben und alles ein bisschen besser machen. Wir könnten alle zum Beispiel nicht ein Jahr älter werden. Ich glaube, da würden wenige nein sagen, außer 16- und 17-Jährige Alman Andis- oder Annikas. Älter werden ist sowieso etwas, was Deutsche überdurchschnittlich stresst. Aber gut jetzt ist es nun mal gelaufen.

Wie es bei mir gelaufen ist. Spoiler: Spaßig war es nicht

Ich sehe meine Familie sehr selten und habe beschlossen, am 17. Dezember mit dem Zug zu meiner Mutter nach Wiesbaden zu fahren. Mit FFP2 Maske am offenen Fenster der MRB aus Chemnitz nach Leipzig und von da aus vier Stunden im ICE. Ich komme mit Kopfschmerzen und einem komischen Gefühl im Bauch an. Meine Mutter will mich in den Arm nehmen. Ich zögere und weiß nicht wie ich sie begrüßen soll. Wir umarmen uns im Auto.

Zwei Tage später kommt meine Schwester. Wir beschließen einen Corona Schnelltest zu machen, weil wir darüber nachdenken, zu meinen Großeltern und meinem Vater zu fahren. Wir buchen den Schnelltest, einen Tag später überlegen wir es uns anders. Meine Oma ist enttäuscht. Mein Vater versucht uns zu überreden und als er merkt, dass das nicht geht, tritt er aus der Familien WhatsApp Gruppe aus. Am Telefon ist er kurz angebunden, meine Mutter ist verunsichert. Meine Schwester und ich sind auch enttäuscht, weil unser Beschluss, meine Großeltern nicht zu besuchen als Angriff und nicht als Schutzmaßnahme gesehen wird. Die ganze Sache wird unnötig emotionalisiert und dramatisiert.

Keine frohe Botschaft an Heiligabend

Wir machen den Schnelltest dennoch. Meine Mutter weigert sich, den Abstrich richtig zu machen, weil es ihr in der Nase wehtut. Wir versuchen ihr zu erklären, warum es keinen Sinn macht, wenn wir den Test machen und sie nicht. Sie will es nicht richtig verstehen. 15 Minuten später zeigt ihr Test ein positives Ergebnis, der Test von mir und meiner Schwester ist negativ. Meine Mutter hat wenig Verständnis, ist genervt. Sie glaubt dem Test nicht, weil sie keine Symptome hat. Wir überzeugen sie davon, einen PCR Test zu machen und halten von da an gezielt Abstand voneinander. Wir lüften, ziehen zu Hause Masken auf und essen nicht gemeinsam. Am 24. Dezember um 17.00 Uhr kommt ihr Ergebnis. Corona-positiv.

Wenn die eigenen Eltern zu Teenagern werden

Meine Schwester und ich verbringen den Abend zu zweit im Wohnzimmer, meine Mutter zum Großteil auf dem Dachboden. Auf eine Art fühlt sich auch das alles surreal und falsch an. Wir fühlen uns irgendwas zwischen schuldig und missverstanden, hauptsächlich aber angestrengt. Wir machen uns Sorgen. Wir sprechen darüber, dass wir uns in dem ganzen Stress wie die Eltern unserer Eltern gefühlt haben. Für unsere Eltern war Weihnachten ein Grund zum Wohl des allgemeinen Familienfriedens Corona ein bisschen weniger ernst zu nehmen. Wie Teenager, die nächtliche Taten durch ihren Alkoholkonsum rechtfertigen. Der Weihnachtsbaum strahlt Ruhe aus und wirkt irgendwie ironisch in der ganzen Konstellation. Vielleicht weil er so tut, als wäre nichts. Er sieht aus wie jedes Jahr. Die folgenden Weihnachtstage verlaufen nicht anders. Die kommenden 14 auch nicht wirklich.

Weihnachten im August

Mittlerweile erzähle ich diese Geschichte mit Humor, dennoch hat sie mir vieles bewusst gemacht. Zum Beispiel wie gut ich es hatte, über die 14 Tage Quarantäne ein Zimmer für mich zu haben und einen Garten. Das ich keine Angst um meine finanzielle Existenz haben musste und dass die Infektion meiner Mutter symptomfrei verlief. Ich habe öfter an die Menschen gedacht, die diese Voraussetzungen nicht haben und ein noch viel schlimmeres Chaos über die Feiertage durchmachen mussten. Vor dem Hintergrund komme ich zu dem Schluss, dass es sinnlos ist, in einem so unkonventionellen Jahr an Traditionen wie Weihnachten, Silvester und Co. festzuhalten. Vielleicht feiere ich Weihnachten dann im August nach, mit Keksen, Karten Spielen und Glühwein.

Wie verlief Weihnachten featuring Corona bei euch? Schickt uns gerne eure Geschichten, Gedanken und Erlebnisse an redaktion@blick.de