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Reichenbach: Kerzenlicht so wie damals im Herbst 89

Gedenken "Revolution und Demokratie" - Zeitzeugen berichten

Reichenbachn. 

Reichenbachn. Das Licht der Kerzen erwärmt die Herzen, das war vorgestern in Reichenbach bei den Veranstaltungen zu "Revolution und Demokratie" in der Trinitatiskirche und im Bahnhof zu spüren. Das Interesse der Bürger, darunter viele, die den Herbst 1989 miterlebt hatten, war groß. Kerzen waren auch die Symbole der friedlichen Revolution 1989, als die Menschen auf die Straße gingen.

Es war eine außergewöhnliche Feierstunde im Bahnhof von Bahnhof, dessen Inneres mit Menschen über und über gefüllt war. In der Mitte standen auf einem angedeuteten Gleis Kerzen, welche die Zahlen 1989 und 2019 bildeten, dazu eine Rose. Schüler des Goethe-Gymnasiums interviewten Zeitzeuge Jens Rohde aus Reichenbach. Er und Jörg Reinhard gehörten zu den drei Jugendlichen, denen es 1989 gelang, auf einen der "Züge in die Freiheit" aufzuspringen. Es waren die Züge, in welchen die Botschaft-Flüchtlinge aus Prag in den Westen gefahren wurden. "Wir wussten, dass in Reichenbach ein Lokwechsel ist, das war immer so. Wir wollten die Chance nutzen" Und obwohl die Polizei den Bahnhof abgeriegelt hatte, Menschen vertrieben, geschlagen und abgeführt, Hunde auf sie gehetzt wurden, gelang den drei Jugendlichen die Flucht. Wie genau, das wollten die Gymnasiasten wissen. "Wir waren schneller als die Stasi", sagte Jens Rohde. "Wir kamen über den Güterbahnhof." Jörg Reinhard, der extra aus Karlsruhe gekommen war, arbeitete bei der Bahn und kannte sich gut aus. "Wir sprangen auf den Zug auf. Zum Glück war die letzte Tür des Waggons auf. Als die Stasi nach dem Ausweis fragte, reagierte ich blitzschnell und sagte: Den habe ich schon abgegeben." Die Angst war da, denn der Zug hielt länger als sonst, weil die DDR-Ausweise der Zuginsassen eingesammelt wurden. Bange Minuten dann nochmal in Gutenfürst. Und Freude, als man endlich in Hof ankam. Welche Emotionen sie bewegten, wollten die Schüler wissen? "An diesem Tag war alles dabei", so Jens Rohde. Von Angst über Erleichterung bis zur Freude. Und: Sie hätten es nie bereut, sagten beide gestern.

"Im normalen Alltag vergisst man es, dabei ist die Demokratie ein so kostbares Gut."

Die Veranstaltungen zu"Revolution und Demokratie" hatten einerseits das Ziel, dass man für heute aus den Erfahrungen von 1989, welche die Zeitzeugen eindringlich darlegten, lernt. Und andererseits, dass diese Erlebnisse weitergegeben werden, gerade auch an junge Leute. "Wir wollen nicht nur das Bürgerfest feiern, sondern den schweren Weg zur Demokratie und wie man diese erhält zeigen", sagte der Landtagsabgeordnete Stephan Hösl. Besonders jungen Menschen wolle man das nahe bringen. In Reichenbach gelang das gestern, denn auch im Publikum waren viele junge Leute. "Die Geschehnisse in Reichenbach trugen zur friedlichen Revolution bei", so Oberbürgermeister Raphael Kürzinger, der wie auch Landrat Rolf Keil an der Feierstunde teilnahm. Die Jugendlichen können aufwachsen, ohne unterdrückt zu werden, wenn sie anderer Meinung sind. "Im normalen Alltag vergisst man es, dabei ist die Demokratie ein so kostbares Gut."

Zeitzeugen in der Trinitatiskirche

In der Trinitatiskirche weckte die Ausstellung "Wir sind das Volk" Erinnerungen an 1989. Von der Wahlfälschung bei der DDR-Kommunalwahl über die Demonstrationen und Friedensgebete bis hin zum Runden Tisch. Die Reichenbacherin Rosi Schänderlein hatte die Ereignisse miterlebt. Sie schaute sich die Bilder und Dokumente, darunter Zeitungsberichte und Stasi-Berichte, genau an. So wie auch René Mothes aus Reichenbach. "Ich wollte damals einen Tag später als die drei auf einen der Züge aufspringen." Aber mittlerweile war alles so gesichert und abgesperrt von Polizei und Militär, dass er den Plan aufgab. "Ich war dann bei den Demonatrationen in Plauen und Reichenbach dabei.

Darüber sprach Gotthold Lange aus Mylau, Pfarrer in Rente am Donnerstag in der Zeitzeugen-Gesprächsrunde über die Wendezeit 1989/90 in der Trinitatiskirche. "Die Kerzen in den Händen waren entwaffnend. Die Menschen gingen nur mit einer Kerze in der Hand auf die Straße". Der Geistliche leitete die Friedensgottesdienste damals in Reichenbach. Er erinnerte sich: "Die Friedensgebete in Reichenbach waren mittwochs. Es war eine spannungsgeladene Zeit", erinnerte sich der Geistliche. Geprägt auch dadurch, dass wenige Wochen vorher in China eine Demonstration niedergewalzt wurde, Menschen starben. "Das DDR-Regime hatte China dazu gratuliert. Das sorgte für Empörung bei den Menschen. Sollte das bei uns auch geschehen?" Viele hatten ja den Aufstand am 13. Juni 1953 miterlebt, der niedergeschlagen wurde. Und: Man wusste, in der DDR waren tausende Sowjetsoldaten stationiert, schwerbewaffnet. Andererseits wehte durch Glasnost in der Sowjetunion ein frischer Wind. "Es war ein Geschenk, dass kein Blutbad angerichtet wurde."

Die Mylauerin Emmi Labisch, als CDU-Mitglied am im Dezember 89 gebildeten Runden Tischen beteiligt, erinnerte sich, dass es Verhaftungen gab, die Polizei hinter den Leuten her war, die Menschen aufgebracht waren. "Wir, die wir den Krieg und die Flucht miterlebt hatten, versuchten die Leute zu beruhigen, zu sagen: Seid friedlich." Das war die wichtigste Aufgabe des Runden Tisches. "Wir haben Kerzen aufgestellt, mit den Leuten auf der Straße geredet, wir standen in Mylau Hand in Hand. Die Kirche hat die Tore aufgemacht, dafür bin ich heute noch dankbar."

Wo sollte man damals Informationen her bekommen? Es gab kein Internet und kaum Telefone. Die DDR-Medien berichteten nichts über die Demonstrationen im ganzen Land. "Eine Möglichkeit, sich zu informieren, war die Kirche, auch wenn man nicht christlich war. Die Kirche war ein geschützter Raum", so Gerd Stemmler, der aktiv am Runden Tisch und im Neuen Forum in Reichenbach mitarbeitete. "Wir wollten nach dem Friedensgebet eine Demonstration durch die Stadt durchführen. Die Kirche sorgte dafür, das jeder eine Kerze in die Hand bekam." Es ging vorbei an der Stadtverwaltung, Polizei, SED-Kreisleitung und Stasigebäude in Cunsdorf. "Die sollten uns sehen." Erst 2000 bis 3000, dann bis zu 7000 Leute gingen in Reichenbach mit damals etwa 25.000 Einwohnern auf die Straße.

 

Und wie ist es heute? Dass man heute wieder respektvoller miteinander umgeht, das der Staat diesen Respekt selbst ausstrahle, dass keiner übersehen und vergessen wird, das wünschte sich Sigrid Mann, die damals am Runden Tisch für den Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) mitarbeitete. "Ich wünsche mir, dass wir im Gespräche miteinander bleiben, uns Gewalt entgegen stellen. Es ist unsere Aufgabe, die Erde, die Schöpfung Gottes zu erhalten", so Gotthold Lange. "Ich möchte Kerzen verteilen." Er reichte den Besuchern, es waren etwa 50 Kerzen und entzündete sie. Das Licht wurde weitergegeben, so wie damals.