Unternehmer aus dem Vogtland: "Wir sind eben doch keine Jammerdeutschen!"

Interview Elektronik-Experte Torsten Böhm spricht über die Coronakrise

Region. 

Region. Selbstständige, Gewerbetreibende, Unternehmer. Sie alle erleben derzeit das Horrorszenario schlechthin. Existenzen stehen auf dem Spiel. Doch die Coronakrise wird die Gesellschaft auch unglaublich stärken. Weshalb? BLICK-Reporter Karsten Repert hat sich dazu mit Geschäftsführer Torsten Böhm unterhalten. Die Hifiboehm GmbH wurde im vergangenen Jahr aus 900.000 untersuchten Unternehmen ausgewählt und laut Focus Business zu den besten Arbeitgebern Deutschlands gekürt. Nur 3.400 mittelständische Firmen bekamen diese Auszeichnung, die man sich weder erkaufen, noch beeinflussen kann.

BLICK: Herr Böhm, erst in der Krise zeigt sich der Charakter, stellte einst der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt fest...

Torsten Böhm: Ja. Genau das habe ich erlebt. Unsere elf Standorte schließen zu müssen, war unfassbar bitter. Aber wie wir mit unseren 52 Mitarbeitern in den letzten Wochen diesen Schock verarbeitet, ihn angenommen und das Beste daraus gemacht haben, das begeistert mich. Sie können sich gar nicht vorstellen wie dankbar ich meinen Leuten bin!

BLICK: Und umgekehrt?

Torsten Böhm: Ja, ich denke schon. Ich habe so etwas noch nie erleben dürfen. Wir haben zusammen am 13. März begonnen, die Schließung aller Geschäfte vorzubereiten. Gleichzeitig haben wir zusammen begonnen, jeden Mitarbeiter so gut wie möglich zu schützen. Wir haben uns zusammengesetzt und geguckt, wie wir bei Kurzarbeit und ein wenig Aufstockung alle Familien so durchbringen, dass jeder für eine bestimmte Zeit weiterleben kann. Und wir haben gleichzeitig begonnen, unseren vorhandenen Onlinemarkt für das Vogtland und damit für die Region fit zu machen.

BLICK: Der Onlinemarkt lebt doch aber von seiner Globalität?

Torsten Böhm: Ja. Eigentlich schon. Urplötzlich aber sind wir der Händler vor Ort, der direkt liefern kann und vor allem bei den Kunden vor Ort auch noch mit technischem Support glänzt. Zahlreiche große Onlinemärkte haben an vielen Stellen derzeit Probleme. Wir sind dagegen klein und flink. Das hat uns geholfen. Der Mittelstand ist einfach sehr beweglich. Ich glaube, dass in einigen Branchen ähnliches wie bei uns passiert ist.

BLICK: Das klingt, als hätte die Coronakrise positive Folgen?

Torsten Böhm: Nein. Das wäre natürlich vollkommen falsch, wenn ich das behaupten würde. Natürlich haben wir ganz viel verloren. Es ist viel weggebrochen. Und wir müssen neu aufbauen. Aber: Ich spüre die Begeisterung im Team. Wir haben bis hier hin überlebt, weil wir eine tolle Mannschaft haben, die bereit ist, neue Wege zu gehen.

BLICK: Welche neuen Wege werden das sein?

Torsten Böhm: Hausbesuche, Telefonberatung, zwei wöchentliche Videokonferenzen der gesamten Belegschaft. Dazu ab jetzt ein vollkommen neues Hygienebewusstsein in unseren Geschäften. Wir haben tausende Atemschutzmasken, Plexiglasschutzschilder, Desinfektionsmittel und Handschuhe. Wir sind noch breiter aufgestellt und lernen gerade, wie wir in der Elektronikbranche durch unsere Professionalität das Vertrauen neuer Kunden gewinnen können.

BLICK: Noch dürfen Sie aber nicht alle elf Geschäfte in Sachsen und Thüringen öffnen. Sind Sie mit der Politik und dem Krisenmanagement zufrieden?

Torsten Böhm: Unbedingt! Denn wir erleben in zahlreichen Nachbarländern gerade, was im schlechtesten Fall passieren kann. Es geht um Leben und Tod, auch wenn wir dazu neigen, das schnell mal zu vergessen. Ich möchte aber nicht nur unsere Regierenden loben. In erster Linie sind es wir, die Bevölkerung, die mit Disziplin und einer Engelsgeduld unser Land in eine gute Position gebracht haben. Wenn ich sehe, dass wir in der Bewältigung dieser Coronapandemie von 194 Ländern weltweit auf Platz zwei landen, bin ich sehr froh. Denn nur, wenn unsere medizinische Versorgung funktioniert, ist unsere wirtschaftliche Existenz gesichert. Das Coronavirus hat viele Menschen geschwächt, leider auch viele getötet. Aber diese Krise macht unser ganzes Land stark. "Wir sind eben doch keine Jammerdeutschen!"

BLICK: Und was möchten Sie den BLICK-Lesern zum Abschluss noch sagen?

Torsten Böhm: Wir sind da! Wir haben acht von elf Geschäften geöffnet. Ob in Greiz und Zeulenroda. Ob in Plauen, Auerbach, Reichenbach, Crimmitschau, Werdau oder Aue. Lediglich in den Einkaufscentern Plauen-Park, Stadtgalerie Plauen und im Globuscenter Weischlitz müssen wir uns noch ein wenig gedulden. Aber auch dort wird es bestimmt bald weitergehen. Allen Menschen im Vogtland, Westsachsen und Ostthüringen wünsche ich Gesundheit und ganz viel Kraft für die nächsten Wochen.