Erinnerung aus dunklen Zeiten

Zeitzeuge Siegfried Walther klaute Ami Colt und spielte bei den Russen Akkordeon

Siegfried Walther ist kein unbeschriebenes Blatt in seiner Heimatstadt. Der Rodewischer Autor ist gleich zwei Mal beim Literatur-Wettbewerb Vogtlands Lieblingsbücher nominiert. Unter dem Titel "Leben in dunklen Zeiten" erscheint am 1. Dezember sein neues Buch im Handel. 500 Exemplare liegen druckfrisch bereit. Herausgeber ist Auerbachs Ehrenbürger Joachim Otto. Leser tauchen in die Jahre zwischen 1930 und 1949 ein. Grundlage sind die akribischen Tagebuch-Aufzeichnungen seines Vaters Paul. "Der war früher Oberinspektor in Bauangelegenheiten." Verwoben mit persönlichen Erinnerungen des Verfassers wird der Lesestoff zu einem authentischen Zeitzeugnis. Wer sich darauf einlässt, erfährt etwas über jemanden, der in die Nazi-Ära hineingewachsen ist. "Ich war ein überzeugter Hitlerjunge." Auf 150 Seiten ist beschrieben, wie der ehemalige Lehrer in seiner Heimatregion um Auerbach und Rodewisch die Ereignisse vor und nach dem Krieg erlebte. "Ich habe versucht, nichts zu beschönigen." Siegfried Walther hat nichts vergessen. Weder das Zeltlager der Hitlerjugend, noch die Militär-Manöver, die es 1938 in Rodewisch gab. "Als Kinder sind wir auf den Krieg vorbereitet worden." Er selbst erlebte die Front nicht. Nach dem Zusammenbruch ging es erneut ums nackte Überleben. Die Sieger-Armeen rückten im Vogtland ein. Der junge Mann musste erst mit Amerikanern und später mit den Russen auskommen. "Bei den Amis war ich Tennis-Boy und bei den Russen habe ich Akkordeon gespielt." Viele kleine Episoden stehen als Beispiel dafür, dass vieles in diesem Nachkriegs-Wirrwarr am seidenen Faden hing. "In Rodewisch gab es jeden Tag bis zu 15 Tote." Weil er von den Amis im jugendlichen Leichtsinn einen Colt klaute, fing sich der Sohnemann vom Vater eine gehörige Ohrfeige ein. "Die hat gesessen. Mir klingeln heute noch die Ohren." Heute erzählt der Pensionär den Schülern in Projekten ganz ungeschminkt von den Dingen, die sich zutrugen. Von einer Jugendzeit, die es für ihn nicht gab und dem Hunger, der ihn dazu trieb, Gras zu essen. Viele seiner ehemaligen Schüler machten ihm Mut, dieses Buch zu schreiben.