Plauen: Unsere Tante Emma heißt Sabine

Ostvorstadt Im "Bierkasten" spricht man noch miteinander

Plauen. 

Plauen. "Unsere Tante Emma heißt Sabine!" In der Ostvorstadt ist eine gelernte "Facharbeiterin für Eisenbahntechnik mit Abitur" in kurzer Zeit zum Bezugspunkt geworden. Vor anderthalb Jahren hatte Sabine Wolfram (46) den "Bierkasten" übernommen. Die Idee vom eigenen Laden spukte schon eine Weile in den Gedanken der Plauenerin umher. Dann ergab sich die Möglichkeit. "Ich habe es bis heute nicht bereut und freue mich jeden Tag auf meine Kunden", sagt die One-Man-Show Sabine, die im Zweitberuf Informatikkauffrau geworden ist. Die Ostvorstädter kaufen gerne bei ihr ein, obwohl sie im kleinen Flachbau nicht mithalten kann mit den Dauerdumpingpreisen der großen Handelsketten. "Im Bierkasten kostet es ein paar Cent mehr. Aber es ist alles viel persönlicher", sagen die Anwohner. Immer mehr Kunden kommen regelmäßig. Vermutlich auch, weil Sabine ihr kleines Sortiment Stück für Stück erweitert.

Der Mensch will auch mal reden

Die Lebensmittelhändlerin weiß: "Viele Kunden freuen sich, wenn sie an der Kasse nicht von der Warteschlange nach draußen geschoben werden, sondern mal jemand eine Minute mit ihnen spricht. Davon lebt eigentlich der Handel." Genau! Wenn man in der Geschichte rückwärts blättert, entpuppt sich die Stöckigter Straße 51 als Wohngebietstreff mit geschäftlichem Hintergrund. Der Hobbyhistoriker Lars Gruber hat ziemlich viel Interessantes erfahren. Das Haus Stöckigter Straße 51 wurde 1903 von Baumeister Leheis errichtet. Zuerst befand sich darin die Materialwarenhandlung Höfer. Ab 1905 zog die Molkereihandlung Rausch dort ein. 1909 wurde die Fleischerei Christian Popp daraus. Bis 1945 war der Fleischer Popp dort zu Hause. Dann fiel das Haus den Bombenangriffen zum Opfer. Ende.

Bauarbeiterkantine und Altstoffhandel

Der heutige Flachbau war dann als Kantine für die Bauarbeiter errichtet worden, die Mitte der 1970er Jahre das Mammengebiet mit Wenzel-Verner-Schule (POS) und Kindergärten entstehen ließen. Später wurde aus der Bauarbeiterunterkunft die Sero-Altstoffannahme und wie es in Erzählungen heißt, wurden auch lebendige Kaninchen beziehungsweise deren Felle dort angenommen. Nach der Wende wurde aus dem Flachbau ein Getränkehandel. Daher kommt der Name "Bierkasten". Seit 3. Februar 2018 ist nun der Bierkasten durch die Neueröffnung in Richtung Tante-Emma-Laden unterwegs. Das Sortiment wird immer weiter ergänzt und Sabine Wolfram versucht für ihre Kunden das zu bekommen, wo Bedarf besteht. Dass man in Zukunft als Kleinunternehmer ohne Angestellte überleben kann, wird von den Handelsexperten seit Jahren bezweifelt. "Die Marktmacht globaler Marktplätze und gestiegene Kundenanforderungen verändern den Einzelhandel enorm", schreiben die Autoren der Studie "Der deutsche Einzelhandel 2017", die von den Industrie- und Handelskammern in Auftrag gegeben wurde. Was bislang jedoch in den Bilanzen nirgendwo auftaucht, das sind Punkte wie persönliches Gespräch, sich Zeit nehmen, Sozialverhalten. Vielleicht kassieren die Ökonomen dann doch noch eine Niederlage? Tante Emma und vor allem viele ältere Menschen würden sich freuen!