Wendeherbst: Das sind "Die Helden von Plauen"

Flugblattaktivisten Sie hatten große Angst, haben aber trotzdem gehandelt

Plauen, Dresden, Leipzig. Genau vor 30 Jahren haben wir Sachsen die Welt aus den Angeln gehoben. Die 15.000 Helden von Plauen (7. Oktober 1989) wurden von besonders mutigen Bürgern angeführt. Denn der Kampf für Reise- und Meinungsfreiheit war gefährlich. Historiker Jean-Curt Röder hat jetzt eine nachträgliche Sensation ans Tageslicht befördert. "Ich habe den Mitschnitt eines Telefonats von Egon Krenz. Der damalige Staatsratsvorsitzende der DDR hat einen Tag nach der Großdemonstration von Plauen am 8. Oktober angeordnet, dass im ganzen Land nicht geschossen wird." Natürlich hätte es trotzdem jederzeit schief gehen können. Die Nachricht aus Plauen jedoch, dass in der Spitzenstadt die Staatsmacht einknickte und aufgrund der Massenproteste zurückwich, sie verbreitete sich. Allerdings nicht zu vergleichen mit heute, wo man WhatsApp und Facebook nutzen kann.

In Dresden und Leipzig wusste man von Plauen

In Dresden am 8. Oktober und Leipzig am 9. Oktober wussten demnach einige, dass es in Plauen eine große friedliche Demonstration gegeben hatte, bei der es zwar zum Wasserwerfereinsatz kam, die Protestanten jedoch bis vor das Rathaus vordrangen und es dort nach Abzug des tief fliegenden Hubschraubers zum ersten Dialog kam. Superintendent Thomas Küttler war in jener Zeit in Plauen Wortführer und Vermittler. Und der Kirchenmann aus Leipzig telefonierte natürlich danach mit seinen Freunden und Bekannten in der Messestadt. "Das hat er uns damals so erzählt. Thomas Küttler hat in Leipzig von den Protesten in Plauen berichtet", erinnert sich Frank Heidan, der seinerzeit zur "Gruppe der 20" gehörte.

Erst jetzt ist die Geschichte komplett

Weil in den turbulenten Wendetagen und erst recht nach dem Zusammenbruch der ehemaligen DDR kaum Zeit war, die Geschichte in Ruhe aufzuarbeiten, kommen jetzt Details zurück ans Licht, die beinahe verloren gegangen wären. Dazu gehört auch die folgende verrückte Geschichte. Denn über die "Drei Helden von Plauen" spricht heute kaum noch jemand. Genau wie über deren volkseigenen Betrieb von damals. Beim VEB Elgawa hatten sie sich formiert. Keiner durfte groß davon wissen. Jörg Schneider (heute 51 Jahre), Dieter Orgs (83) und Gunnar Tessarczyk (50) haben die berühmten Flugblätter "produziert" und verteilt. Gunnar Tessarczyk war zur Demo dann sogar mit dem Fotoapparat unterwegs. "Wir hatten alle unglaubliche Angst. Aber wir hatten den Mut", berichtet der damals im Mammengebiet lebende Plauener.

Joachim Gauck hat im Oktober 1989 in Rostock Schriften aus Plauen verlesen!

Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck besuchte in dieser Woche an der Seite des Sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer die Feierlichkeiten zur "Wende in Plauen". Am Wendedenkmal berichtete der aus Rostock stammende evangelische Theologe: "Ich habe im Oktober 1989, also vor 30 Jahren, Schriften aus Plauen in Rostock verlesen und kannte diese Stadt bereits, bevor ich jemals hier gewesen bin!" Alle, die sich damals gegen die DDR-Diktatur auflehnten hatten große Angst. Jean-Curt Röder (74) hat in dieser Woche sein unglaublich großes Archiv den Vogtländern zugänglich gemacht. Der Buchverleger eröffnete am 7. Oktober im Landratsamt in Plauen die Ausstellung "Wir sind das Volk". Diese Losung ertönte zehntausendfach im Herbst 1989. Samstag für Samstag kamen Tausende zu den Demonstrationen nach Plauen. Es war der "Schlachtruf" einer friedlichen Revolution, die ein ganzes Land verwandelte und ihren Ursprung am 7. Oktober 1989 in Plauen hatte. Es folgten Dresden und Leipzig.

Erst jetzt ist die Geschichte komplett

Die Menschen stemmten sich damals gegen die Staatsgewalt und brachten Schulter an Schulter ihren festen Willen zum Umbruch zum Ausdruck. Sie hielten zusammen! Ein Jahr später gab es die damalige DDR bereits nicht mehr. Die Leistung der Vogtländer wird erst jetzt überregional wahrgenommen. In Plauen wusste am 7. Oktober 1989 keiner, ob die Spitzenstadt nicht auch ein Blutbad erlebt wie es im Prager Frühling (1968) oder auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking (1989) geschah. "Es wäre gut möglich gewesen, dass die damalige Staatsmacht so reagiert wie am 17. Juni 1953, als der Volksaufstand niedergeknüppelt wurde", würdigt Landrat Rolf Keil den Mut der Vogtländer, die sich in Plauen trotz Großaufgebot von Polizei und Kampftruppen versammelten. Weil in Plauen jedoch im Gegensatz zur Messestadt Leipzig das Westfernsehen fehlte, ging zunächst nur Leipzig in die Geschichtsbücher ein. Richtig muss es aber heißen: Plauen, Dresden, Leipzig - in dieser Reihenfolge wurde zu Tausenden demonstriert und der Umbruch eingeleitet. Der Verleger und Buchautor Jean-Curt Röder stellte zur Vernissage an diesem Montag sein neues Buch "3 Stunden die die Welt veränderten" vor. Es beschreibt Plauen zwischen der DDR 1989 und der BRD im Jahr 2019. Die Ausstellung "Wir sind das Volk" will vor allem aufmerksam machen und erinnern. Das Bildmaterial stammt aus dem Archiv des "Vogtländischen Heimatverlags Neupert". kare